"Bach, Orient, Neger".
Christine Lavants (1915-1973) Weg zur Musik.
Ursula A. Schneider, Annette Steinsiek
im Druck erschienen in:
jazzzeit. Zeitschrift für Musik und Lebenskunst.
Nr. 38 / Juni 2003, S. 14.
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als 9. Kind eines Bergarbeiters geboren: So beginnen einige der kurzen biographischen Skizzen, die die Schriftstellerin Christine Lavant auf Anfrage an Verlage und HerausgeberInnen von Anthologien schickte. In der Rezeption hat sich diese Mitteilung verselbständigt und ist mit dem Bild verschmolzen, das man von ihr formte und das bis heute fortwirkt: Die Arme, die Kranke, die kaum schulisch Gebildete, die Werke schrieb, deren Herkunft man sich nicht erklären konnte. Das Bild der Mystikerin wurde bemüht, und zwar im Sinne einer kulturgeschichtlich gewachsenen Vorstellung von Künstlertum, der es offenbar leichter fällt zu glauben, daß eine höhere Macht etwas eingibt, als daß jemand wie Christine Lavant solche Eigenheit entwickelt.
   Es ist jedoch wahrscheinlich, daß sie selbst mit dieser Aussage auch etwas anderes beabsichtigte: Sie wollte ihre Herkunft nicht verleugnen. Nicht gegenüber den bildungsbürgerlichen Erwartungen, nicht im Hinblick auf ihre Schwestern, die einen wichtigen Teil ihres Sozialverbandes ausmachten. Sie wollte ihre Herkunft nicht verraten an eine ästhetische Welt: Kunst, und also ihr Schreiben, sollte dem Leben dienen, und manchmal diente sie sicher dazu, ihr eigenes Leben, das von äußeren Schwierigkeiten und schwierigen inneren Phasen geprägt war, zu erhalten. Markig und plakativ äußerte sie ihre Haltung einmal Personen gegenüber, denen es eine Mahnung sein sollte: das herrlichste Gedicht ist noch nicht soviel wert wie der lächerlichste Mensch. (an Elisabeth Effenberger, Thomas Bernhard, Günther Schweighofer [1955])

das herrlichste Gedicht: Sie erhielt zweimal den Georg Trakl-Preis für Lyrik (1954, gemeinsam mit Christine Busta, Michael Guttenbrunner, Wilhelm Szabo, und 1964), veröffentlichte drei Gedichtbände im Otto Müller Verlag (Die Bettlerschale, 1956, Spindel im Mond, 1959, Der Pfauenschrei, 1962). Mit einem ihrer Gedichte ließ und läßt sich jede Anthologie würzen, und in der Tat wird niemand daran vorüberlesen können. Sie ist Autorin der spannendsten Gedichte. Doch ebenso verblüffend ist ihre Prosa. Sie schrieb, genau beobachtend, psychologisch eindringliche Erzählungen, und solche, die, wie ihre Lyrik, in ihrer spezifischen Metaphorik erst nachvollzogen sein wollen. Als Autorin von Prosa ist sie erst in den letzten Jahren entdeckt worden. Sie ließ vieles undatiert, und bisher gibt es nur wenig vom zentralen Maß der Ordnung, der Chronologie - die Gedichte, die Erzählungen bewegen sich umeinander wie in einem Mobile, wirken wie Abspaltungen eines Urkontinentes, den es zu entdecken gilt. Und noch in einer anderen Form hat sie sich ausgedrückt: in ihren Briefen, von denen etwa 1.200 bisher zusammengetragen werden konnten. Da haben wir Gedanken über das Schreiben und das Nicht-schreiben-können, über Handeln und Dulden als zentrale persönliche Kategorien, erleben ihre Entscheidungen und Verzweiflungen, da erhalten wir einen Hintergrund für ihr Leben und ihr Werk ... Das meiste wartet noch auf seine Erarbeitung und Veröffentlichung, 30 Jahre nach Christine Lavants Tod ist die Forschung eine große Baustelle. In Österreich arbeiten zwei Forschungsinstitute an der Edition der Texte der Lyrikerin, Prosaautorin und - die Literaturwissenschaft hält dafür (noch) kein Wort bereit - Briefschreiberin.

Korrespondentin im Lavanttal: Bis auf ein kurzes Intermezzo in Klagenfurt (1966-68) wohnte Christine Lavant in ihrem Geburtsort St. Stefan. Die schwer Hörende und Sehende fühlte sich dort am sichersten, und sie hing am Föhn, an den Gewittern, an Gerüchen, Farben, Formen. Sie verließ den Ort für Besuche bei befreundeten Personen oder Verwandten und bewegte sich auch, mehr als bisher angenommen, in der kulturellen Landschaft, nahm an "Dichtertagungen", Lesungen, Preisverleihungen teil. Auf ganz andere Weise durchbrach sie Enge mit ihren Briefen, die an Personen in Dänemark, Deutschland, England, Island, Israel, der Schweiz, der Türkei usw. gingen, und St. Stefan ohne dessen Wissen zum Ausgangs- und Empfangspunkt einiger Weltläufigkeit machten.

da ich absolut Antenne bin. Sie sog ein. Persönliche und briefliche Kontakte. Sie las wie wild, was ihr gefiel. Wohl nicht nur gehindert durch eine Einschränkung ihres Gehörsinns, sondern lange auch durch die Vorstellung, daß Musik höheren Schichten vorbehalten sei, vielleicht auch durch ihre Wohnsituation (sie teilte mit ihrem Mann ein einziges Zimmer) entdeckte sie Musik erst spät und allmählich. 1947 schreibt sie noch, daß ich zu Musik so gar keinen Zugang hab.
   Im Jahre 1956 zeichnet sich etwas wie ein Profil ab: Musik z.B. ist für mich fast ausschliesslich zersetzender Lärm ich komme nie mit verliere immer den Faden und werde ganz krank davon. Nur alte Kirchenlieder einfache traurige oder die Gesänge der Mohammedaner oder Rabbi (ich weiss nicht von wem sie gesungen werden man hört sie manchmal Abends im Radio immer bloss ein paar Töne durch die Nase klagend auf und ab) da komme ich ganz mit da werde ich ganz innwendig angeredet und fast verzaubert und wenn ich ein Radio hätte täte ich mir das immer einschalten. Auch bei einem indischen Film war einmal diese Musik. Dann - denken Sie sich - [...] "La Paloma" und "O mia bella Napoli" mag ich auch und wenn ich dazu noch Ringelspiel-fahren kann dann bin ich vollkommen glücklich. (an Tuvia Rübner, 22.10.19[56]) Im Januar 1957 bekommt sie ein Radio geschenkt: Ich hocke dauernd auf den Fersen davor und hab in den Waden schon ordentlich Spatzen und den Bauch oft voll Wut. Es ist unfassbar wieviel gleiches Gedudel es auf aller Welt gibt. Und dabei bin ich aufeinmal so hungrig nach Musik geworden wie ich es nie für möglich gehalten hätt. [...] Jetzt hock ich halt davor und dreh und dreh und will immer was Schönes ertrotzen und überall ist entweder das Gedudel oder die wilde Jagd aus dem Kosmos. (an Paula Ohm-Januschowsky, [15.01.1957])
   Weihnachten 1963 schenkt sich die in großer Armut Aufgewachsene und zur ewigen Sparsamkeit Gezwungene selbst einen Plattenspieler, für den sie sich Platten wünscht: Aber ja nichts Heiteres! Bach, Orient, Neger, -. Schöne Mischung, was? (an Gerhard Deesen, [1964])

Schöne Mischung! Individuell und multikulturell. Was die am bildungsbürgerlichen Kanon Geschulten unsystematisch anmutet, ist die einfache Entscheidung, auf das zuzugehen, was als Rhythmus oder Melodie dem inneren Rhythmus und der inneren Melodie entspricht oder aufhilft. Rhythmus und Melodie waren dabei weniger Elemente einer Musikästhetik als einer Spiritualität, in der sie Meditation oder Tanz sind. Sie hört den Rhythmus in den "Liedern der Mönche und Nonnen Gotamo Buddhos" als Meditation, und sie sieht die Natur wie in der Ekstase islamischer Mystiker tanzen: [...] wir haben viel herrlich-wilde Gewitter. Unlängst bin ich nachts durch ein solches heimgegangen rundherum haben die Blitze getanzt wie Derwische zur Trommel des Donners. (an Tuvia Rübner, 18.6.1957)

... getanzt: Was in ihrem Kopf Widerhall fand, können wir in ihren Texten suchen. Trommelndes, eine ziehende Melodie, Meditation, Tanz. Vieles tanzt in ihren Texten. In den Gedichten tanzen Träume, Sterne, die doppelte Närrin, und wir werden vor den Brunnen der Tänze geführt. Im Prosatext "Aufzeichnungen aus einem Irrenhaus" (geschrieben 1946) sehen wir den Tanz einer Ver-rückten. Eben hat Berta getanzt. […] Wer gab ihr den eigentümlichen Rhythmus ein, nach welchem sie auf den braunen Fliesen vor und zurück schritt?
   Die Wahrnehmung der Entrückung, der Bewegung nach einem inneren Gesetz, vielleicht einer "rhythmischen Ekstase", könnte es gewesen sein, was sie am brasilianischen Neger-Ballett, das sie in den 50er Jahren in Wien sah, so mochte. Ihre Freude und Ergriffenheit beim Sehen und Hören dieser Tanzdarbietung mag dabei durch ihre Vorstellung einer ursprünglichen, magischen Qualität dieser Tänze entstanden sein. Ihrem eigenen Schreiben maß sie etwas von dieser Qualität zu, gerade indem sie es so überdeutlich abwertete gegen das angespannt-feierliche von Pounds "Litanei": Wenn ich an die "Nachtlitanei" von Ezra Pound denke! Sowas werde ich nie können. Und ist so angespannt-feierlich. Bei mir geht alles wie ein Mühlrad ein Leierkasten oder eine Negertrommel. Außerdem kann ich überhaupt schon lange nimmer dichten. (an H.G. Adler, 2.2.1958)

Die Negertrommel des 9. Kindes eines Bergarbeiters... Die Erfahrung des Verlustes der inneren Möglichkeit zu dichten war für Christine Lavant schmerzlich. Sie schreibt, daß sie nicht mehr in den für die Schöpfung notwendigen Zustand hineinfand. Über die Wahrnehmung des schöpferischen Zustandes teilt sie explizit wenig mit. Implizit kann man ihn hören, indem man sie hört, in ihren Gedichten, in ihren Erzählungen, ihren Briefen. Dort erfährt man, was sie mit "Schöpfung" verband.
   Ja ich stecke bestimmt auf der entferntesten Stelle von dem Platz von wo aus ich einmal gedichtet habe. Falls es so etwas wie einen Rythmus auch hierin gibt so müsste ich nun wohl bald wieder der Kunst näherkommen - aber weiss Gott? […] Am Seienden änderte sich ja nichts wenn einer der vielen Kanäle des Schöpferischen verstopft ist dafür entstehen immer neue. Vielleicht wird das was mich früher dichten liess eben ein Neger- oder Eskimo-Lied? Oder vielleicht kommt es zu Ihnen? (an Hilde Domin, [1960])

   1 Die Bezeichnung "Neger" war zwar schon seit Beginn des 20. Jhs. umstritten, doch wurde sie auch ohne pejorative Assoziation immer wieder gebraucht.

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