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Christl Thonhauser wird Christine Lavant
Entschlüsse und Hindernisse auf dem Weg zur Buchautorin
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Ursula A. Schneider, Annette Steinsiek |
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im Druck erschienen in:
Erfahrung nach dem Krieg. Autorinnen im Literaturbetrieb 1945-1955. BRD, DDR, Österreich, Schweiz.
Kongressbericht der 3. Bremer Tagung zu Fragen der literaturwissenschaftlichen Lexikographie, 5.-7.10.2000 in Bremen.
Hg. v. Christiane Caemmerer, Walter Delabar, Elke Ramm und Marion Schulz.
Frankfurt/M. u.a.: Peter Lang 2002. (= Inter Lit Bd. 4)
S. 175-201.
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Aktueller Zusatz 2007
Aus gegebenem Anlaß gestatten wir uns hier einen aktualisierenden Hinweis.
Die Projekte zu einer Werkausgabe Christine Lavants am Robert-Musil-Institut der Universität Klagenfurt sind
mittlerweile abgelaufen.
Die Werkausgabe Christine Lavants liegt inzwischen in anderer Verantwortung und greift auf eigene Konzeption und
Forschung zurück, sodaß ein sinnvoller Abschluß in die Nähe rückt.
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Erfahrung nach dem Krieg - "Erfahrung" impliziert streng genommen die Bindung an eine Person, die Wahrnehmung durch
ein Subjekt; sie verdeutlicht sich durch eine Mitteilung. Wir wissen leider wenig darüber, was Christine Lavant
nach dem Kriege "erfahren" hat - sie hinterließ keine Tagebücher oder andere persönliche Aufzeichnungen. Wir wollen
uns dieser Zeit nähern, darauf bedacht herauszufinden, was sie in dieser Zeit erlebt haben könnte. Wir wollen die
Person als Protagonistin in einer Zeit sehen; gleichzeitig tritt die Zeit selbst in den Vordergrund, und die
Protagonistin wird Teil des gesehenen Bildes. An der Person kristallisiert sich etwas, was wir als ihren möglichen
Erfahrungshintergrund rekonstruieren.
Wir beziehen uns in diesem Aufsatz einzig auf Quellen, vor allem auf (unveröffentlichte)
Briefe.1 Sie liefern uns wichtige Details über Nachkriegs-
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1 Der Briefwechsel von Paula Grogger mit Viktor Kubczak liegt im Nachlass
Paula Groggers in der
Steiermärkischen Landesbibliothek, Graz. Der Nachlass enthält auch die zitierten Briefe von und an Trude Kubczak
und Anna Rodler. Wir danken dem Sprecher der Erbengemeinschaft Paula Groggers, Herrn Christian Vasold, für die
Erlaubnis zu Einsicht und Abdruck sowie Herrn Dr. Johann Lambauer von der Steiermärkischen Landesbibliothek für
seine freundliche stetige Hilfe. - Die Briefe an Adolf und Paula Purtscher sowie an Gertrud Purtscher-Kallab
sind als Kopiensammlung im Nachlass Christine Wigotschnig im Robert-Musil-Institut für
Literaturforschung/Kärntner Literaturarchiv (RMI) in Klagenfurt enthalten. (Christine Wigotschnig schreibt
am 20.1.1989 an den Suhrkamp-Verlag, dass ihr die damalige Besitzerin, Gertrud Purtscher-Kallab, die
Verwendung gestattet habe. Die Originale sind auch heute in Privatbesitz.) Diese Sammlung enthält auch die
Kopien der zitierten Briefe von Viktor Kubczak an Gertrud Purtscher-Kallab und von Christine Lavant an den
Leykam-Verlag sowie den Brief von Josef Friedrich Perkonig an Christine Lavant. - Im Nachlass Christine
Wigotschnigs fand sich außerdem ein von ihr aus dem Nachlass Christine Lavants zusammengestellter Ordner mit
Verlagskorrespondenz, darunter die mit Wieland Schmied bzw. dem Stiasny Verlag. - Die Korrespondenz mit dem
Otto Müller Verlag liegt im Verlag. - Die Korrespondenz von Viktor Kubczak mit Edith Kleinmayr liegt ebenfalls
im RMI (Sammlung Kleinmayr). - Die Briefe an Evlyn Wolf sind in Privatbesitz. - Der Brief des Brentanoverlags
an die Josef-Friedrich-Perkonig-Gesellschaft befindet sich im Vorlass Jeannie Ebner, Wiener Stadt- und
Landesbibliothek. - Die Wiedergabe sämtlicher Briefzitate folgt, so nicht anders nachgewiesen, dem Original.
Ver-
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welt, Verlagsgeschehen, biographische Zusammenhänge. Es geht nicht um den Inhalt der 1948 und 1949
erschienenen Werke, sondern im weitesten Sinne um die Voraussetzungen und Umstände ihres Erscheinens.
Insgesamt erhoffen wir uns in der Zusammenschau der Dokumente eine biographische Skizze Christine Lavants
für die Jahre 1945-1949, die einen ersten Teil der anstehenden Biographie bildet.
Mehrere (Handlungs-)Stränge prägen diesen Zeitabschnitt für sie: das Nachkriegsgeschehen, das ihr
einen Verleger bescherte (Kap. 1); der Entschluss, Autorin zu sein (Kap. 2); die Beziehung zwischen Deutschland und
Österreich als Bedingung für eine österreichische Autorin bei einem deutschen Verlag (Kap. 3); das Lektorat
eines deutschen Verlages und dessen Vorstellungen von einem besseren Deutsch (Kap. 4); die Bedeutung des
Verlags für eine Karriere (Kap. 5).
1. Der Zufall nach dem Krieg: ein Verleger auf unfreiwilliger Reise
Die Geschichte von Christine Lavants frühen Veröffentlichungen zu erforschen mutet oft wie Detektivarbeit an;
vor allem deshalb, weil uns von einer zentralen Person, dem Verleger Viktor Kubczak, kaum Dokumente vorliegen.
Das Archiv seines "Brentanoverlags" muss als verschollen gelten2; auch im
Nachlass Christine Lavants gibt es keine Korrespondenzen mit Kubczak3.
Es gibt jedoch Briefe, in denen Christine Lavant von
ihm erzählt, und es gibt zum Glück die umfangreiche Korrespondenz Kubczaks mit der österreichischen Autorin
Paula Grogger, durch die wir einiges über den Verlag und die Verlagsusancen erfahren können. Dieser
Briefwechsel, der (zumindest in den von uns durchgesehenen Jahrgängen4) einen
freundschaftlichen
Kontakt zeigt und die Verlagsangelegenheiten als Teil dieses Kontaktes, gibt Aufschlüsse über die Umstände und
Bedingungen, wie sie
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schreibungen und Tippfehler wurden korrigiert. Der "Kommentierte Gesamtbriefwechsel Christine
Lavants" wird von uns am Forschungsinstitut Brenner-Archiv, Innsbruck, erarbeitet und herausgegeben. Seit März
2000 wird die Edition vom österreichischen Wissenschaftsfonds gefördert.
2 Unsere Anfragen bezüglich eines Archives des Brentanoverlages/Brentano-Verlages (der Verlag
schrieb sich uneinheitlich) richteten wir bisher an: Württembergische Landesbibliothek, Bundesarchiv
Koblenz, Hauptstaatsarchiv
Stuttgart, Stadtarchiv Stuttgart, Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg, Zentralkartei der Autographen, Deutsches
Literaturarchiv Marbach, Gerhart-Hauptmann-Haus (Düsseldorf), Museum Haus Schlesien (Königswinter).
3 Ausnahmen bilden Weihnachtskarten von Viktor und Trude Kubczak aus den Jahren
1957-1966, die aber von Christine
Lavant möglicherweise eher wegen der Motive der Karten als wegen des Inhalts aufbewahrt wurden.
4 1944-1957 (Viktor Kubczak an Paula Grogger) bzw. 1944-1952 (Paula Grogger an Viktor Kubczak).
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in einem bestimmten Zeitabschnitt auftraten und also auch für Christine Lavant gegolten haben könnten - wie
problematisch die Übertragung, die Parallelisierung dabei auch sein mag. Einen besonderen Akzent hat der
Briefwechsel zwischen Paula Grogger und Viktor Kubczak deshalb, weil in ihm auch die Anfänge einer anderen
Autorin, vielleicht sogar "the making of" einer Autorin, nämlich Christine Lavants, zur Sprache kommen.
Viktor Kubczak, 1900 geboren, leitete in Breslau in Schlesien seit dem Jahr ihrer Gründung 1925 die
"Ostdeutsche Verlagsanstalt GmbH". 1925/26 setzte er (offenbar gegen die Bedenken anderer Gesellschafter)
die Drucklegung des Romans Das Grimmingtor von Paula Grogger durch - ein enormer verlegerischer Erfolg
im gesamten deutschen Sprachraum und darüber hinaus: Vier Jahre nach der Erstauflage gab es 1930 bereits die
40. Auflage, mit ihr ingesamt mindestens 120.000 Stück. Was das Wagnis Kubczaks ausgemacht hatte, die Sprache
des Buchs, "eine Mischung aus Hochsprache, steirischer Mundart und dem Chronikalstil des 17. Jahrhunderts,
sowie das stark ausgeprägte lokale Kolorit", kam bei der Presse gut an.5
Viktor Kubczak war seit März 1941 im Wehrdienst6, beim
Zollgrenzschutz7. 1944 begann er damit,
die Verlagsbestände sowie die Verlagskorrespondenz sukzessive ins steirische Dorf Öblarn zu Paula Grogger
zu schicken.8 Kubczak wollte sein Geld in Öblarn in ein Haus investieren, da er fürchtete,
dass es nach Kriegsende wertlos sein würde9 - er wollte "Bürger von Öblarn"
werden.10 Er
ging davon aus, dass Deutschland den Krieg verlieren und er in Breslau den Verlag nicht behalten können würde.
Ab Februar 1945 wurde die "Festung Breslau" schwer umkämpft, und Kubczaks Frau Trude floh - wie es abgemacht
war - nach Öblarn in die Steiermark zu Paula Grogger. Viktor Kubczak wollte
nachkommen.11 Im Zeitraum zwischen Februar (am 13. Feb-
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5 Vgl. dazu: Christoph Heinrich Binder: Paula Grogger. Ein
biographischer Abriß. Trautenfels 1985, S. 33. (Kleine Schriften des Landschaftsmuseums Schloß
Trautenfels am Steiermärkischen Landesmuseum Joanneum, H. 9)
6 Vgl. Viktor Kubczak: Kurzer Lebenslauf, Beilage zum Antrag zur Bearbeitung der Aufnahme als
Mitglied der Reichsschrifttumskammer, Gruppe Schriftsteller, 27.7.1942. Akten der Reichskulturkammer,
ehemaliges Berlin Document Center, Deutsches Bundesarchiv, Berlin.
7 Wiederholte Angabe in den Akten der Reichskulturkammer (vgl. Anm. 6).
8 Vgl. etwa Viktor Kubczak an Paula Grogger, 21.1.1944: "Nächstens gehen die ersten sieben
Kisten mit Verlagsbeständen nach Öblarn [...]" oder am Ostermontag 1944 [10.4.1944] schreibt er von der Absendung
von "zwei kleinere[n] Pakete[n] mit privaten Briefen und wichtiger ausl. Korrespondenz".
9 Vgl. diverse Briefe aus dem Jahr 1944.
10 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 9.9.1944.
11 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 13.2.1945: "Ich hatte vor drei Tagen endlich die Möglichkeit,
Trude zu sehen, die gerade noch im rechten Augenblick herausgekommen ist. [...] Ich habe ihr gesagt, dass
sie sich möglichst sofort nach Richtung Oeblarn auf den Weg machen soll. [...] Ich habe den Plan,
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ruar schrieb er noch an Paula Grogger, vgl. Anm. 11) und September 1945 war er in russischer
Kriegsgefangenschaft, wie lange genau, wissen wir nicht. Eine Eintragung im Gästebuch Paula Groggers belegt
die genauen Daten des Aufenthalts der beiden Kubczaks: Trude Kubczak kam am 17.2.1945 bei Paula Grogger an,
Viktor Kubczak am 27.9. Beide verließen Öblarn am 29.7.1946.12
Am 3. Dezember 1945 hatte die Malerin Gertrud Purtscher-Kallab, die Tochter von Christine Lavants
"mütterlicher Freundin"13 Paula Purtscher, an Paula Grogger
geschrieben14 und ihr Gedichte Christine Lavants beigelegt (wohl um von der
anerkannten Schriftstellerin ein Urteil zu erhalten), aber
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von dort aus ein wenig die Arbeit weiterzuführen, Bücher zu bestellen, um etwas Vorrat zu
haben, nachdem in Breslau und Schlesien alles verloren ist [...]."
12 Wir danken Frau Gertrud Auer von der Marktgemeinde Öblarn und Frau Maria Griesebner vom
Paula-Grogger-Museum sehr für ihre freundliche Hilfe: Frau Auer sah für uns sämtliche Meldebücher von
1941 bis 1945 durch und fand keine Eintragungen; daraufhin setzte sie sich mit Frau Griesebner in Verbindung,
und beide gingen die Gästebücher Paula Groggers durch, nicht ohne Erfolg: sie fanden Eintragungen von Kubczaks
und Christine Lavant (folgt im Text) - Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Frau Maria Griesebner. - Hier
sei die von Kubczaks zitiert: "Das einzige Gute, was wir dieser Katastrophe verdanken und woran wir uns
immer gern und wahrscheinlich melancholisch erinnern werden, ist dieses friedlichste, ruhigste, erholsamste
aller Jahre, das wir gemeinsam bei Dir erleben durften - als eine Familie wie im eigenen Zuhause, in einer zweiten
Heimat - der zweiten nach der verlorenen, vor der dritten und folgenden... Deine dankbaren schlesischen
Auferziehungskinder Viktor und Trude[,] Oeblarn, 27.IX.45 / 29.VII.46 * Oeblarn, 17.11.45 / 29.VII.46" - Vgl.
auch: Kriegsende und frühe Besetzungszeit in Öblarn. Nach einem Tonband-Interview der Dichterin Paula Grogger.
Bearbeitet von Othmar Pickl. In: Siegfried Beer (Hrsg.) unter wissenschaftlicher Mitarbeit von Felix Schneider
und Johannes Feichtinger: Die "britische" Steiermark 1945-1955. Graz: Selbstverlag der Historischen
Landeskommission für Steiermark 1995, S. 681-688.
13 So mehrfach von ihr bezeichnet, vgl. z.B. Christine Lavant an Paula Purtscher, 7.1.1946,
7.3.1946. - Purtscher-Kallab, Gertrud (Trude) (1913-1995), Tochter von Paula (1884-1950) und Adolf Purtscher. Purtscher,
Adolf (1882-1976), Primarius (= Abteilungsleiter) an der Augenabteilung des Klagenfurter Krankenhauses, nach
1945 Praxis in Lienz.
14 Erschlossener Brief; dieses Datum wird im Antwortbrief Kubczaks vom 11.12. genannt.
Möglicherweise befindet sich der Brief im Nachlass Paula Groggers in der Steiermärkischen Landesbibliothek. - Wir wissen
nicht, wie gut sich Gertrud Purtscher-Kallab und Paula Grogger gekannt haben. Viktor Kubczak und Gertrud
Purtscher-Kallab hatten vor dem Krieg persönlichen Kontakt, denn Purtscher-Kallab war um 1936 bei Kubczak in
Breslau gewesen und hat ihm dort offenbar Illustrationen für Groggers Prosaveröffentlichung Die Sternsinger
(Ostdeutsche Verlagsanstalt, 1927) vorgelegt (vgl. Viktor Kubczak an Gertrud Purtscher-Kallab, 11.12.1945).
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offenbar, ohne ihr von der Identität der Schreiberin zu erzählen. Kubczak bekam die Gedichte in die Hände und schrieb
am 11.12. an Gertrud Purtscher-Kallab:
[...] Wer ist diese Frau? Ich bitte Sie, mir möglichst bald Näheres zu sagen: Name,
Wohnung, BilTätigkeit, Beruf, usw. Ich bin Ihnen aufrichtig dankbar, dass Sie uns diese Bekanntschaft
vermittelt haben, und ich möchte diesen Zufall, dass ich es bin, der die Gedichte in die Hand bekam, obwohl sie
ja eigentlich nicht mir zugedacht waren, am liebsten als providentiell empfinden [...]. Ich darf wohl annehmen,
dass noch mehr Gedichte vorhanden sind, und ich bin gewillt eine Buchausgabe in meinem Verlag, der im nächsten
Jahr wieder publizieren wird, nun freilich unter anderem Namen - zu veröffentlichen, sofern dies der Verfasserin
Freude macht, Freude wie mir. Nichts ist mir lieber, als einer noch unbekannten, echten Begabung die Wege ebnen
zu helfen, und obwohl ich der neueren Lyrik gegenüber im allgemeinen zurückhaltend bin, glaube ich in diesem
Falle einen besonderen Einsatz gut verantworten zu können.
Am 17.12. bedankte sich Christine Lavant bei Gertrud Purtscher-Kallab für einen Brief, in dem diese ihr von
Kubczaks Reaktion erzählt haben muss. Da wir hier keinen Hinweis auf Überraschtheit finden, nehmen wir an, dass sie
von der Sendung an Paula Grogger gewusst hat. An diesem Tag - oder am nächsten - schrieb sie auch an Kubczak selbst,
wie sie Gertrud Purtscher-Kallab im "P.S. (am nächsten Tag:)" mitteilte.
Christine Lavant hatte sich aber, als der Kontakt mit Viktor Kubczak entstand, bereits um eine Veröffentlichung
ihrer Gedichte bemüht - sie hatte sie an den Grazer Leykam-Verlag geschickt. Eine Zusage von Leykam bzw. der
Behörde PWB, ihre Gedichte zu veröffentlichen, muss sie am 18. oder 19. Dezember erhalten haben!15 Sie
fühlte sich diesem Verlag möglicherweise verpflichtet (sie hatte ihn ja vor der Bekanntschaft mit Kubczak
angeschrieben); mit ihrem Schreiben vom 19.12. schickte sie dem Verlag noch weitere 14 Gedichte mit. Möglicherweise
hatte sie sogar die gerade ergangene positive Beurteilung der Gedichte durch Viktor Kubczak darin noch bestärkt.
Aufgrund ihrer Verhandlungen mit dem Leykam-Verlag hat sie das Angebot Kubczaks
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15 Der Brief an Gertrud Purtscher-Kallab vom 17.12. lässt darauf schließen, dass Christine
Lavant zum Zeitpunkt des Schreibens noch keine Kenntnis von einer Annahme ihrer Gedichte durch den Leykam-Verlag
hatte. Am 19.12.1945 schrieb sie an den Leykam-Verlag: "Ein Schreiben der Zentralstelle der P.W.B. in Klagenfurt
gibt mir bekannt, daß Sie bereit wären, Druck und Verlag meiner eingesandten Gedichte zu übernehmen."
Die PWB (Psychological Warfare Branch) war eine Sonderdienststelle der britischen Besatzungsmacht in Kärnten,
die im Pressebereich die "Entnazifizierung" überwachte. - Briefe von oder an Christine Lavant sind im Leykam-Verlag
nicht erhalten. (Auskunft von Herrn Walter Berger, Leykam-Buchverlag, Graz, e-mail vom 13.9.2000.)
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abgelehnt.16 Das tat ihr sicherlich auch leid: Denn Leykam bot ihr offenbar zwar
eine Veröffentlichung - aber keine Beurteilung und keine Betreuung. 17 Kubczak
hingegen bot ihr Beurteilung, Betreuung, Überzeugung - hatte aber keinen Verlag.
Am 30.12.1945 schrieb sie an Paula Purtscher: "Aber vielleicht kann ich ihn mit etwas anderem, etwas sehr sehr
Schönem (von dem ich Euch jetzt noch nichts sagen darf) trösten. Sie müssen wissen, ich arbeite wie eine Besessene."
Dieses "Schöne" muss die Erzählung Das Kind gewesen sein, von der wir aus einem anderen Brief wissen, dass sie
um Weihnachten 1945 entstanden ist. 18 Gedichte für den einen Verlag - Prosa für den
anderen; dies dürfte eine Lösung für Lavants und Kubczaks Problem gewesen sein.
Viktor Kubczaks Reaktion auf die Prosa muss euphorisch gewesen sein, denn Christine Lavant berichtet Paula
Purtscher am 15.3.1946:
Ach Mutterle wenn Sie wüßten wie sehr begeistert H.K. sich über meine Epik äußert. Ja er hat zwei Erzählungen
von mir und die dritte ist unterwegs. Über eine schreibt er, daß sie ohne Beispiel in d. deutschen Literatur
dastünde, über die andere noch viel mehr und u.a., daß er a konto dessen von mir erwartet, daß ich einst für das
deutsche Volk das würde, was Dostojewsky für die Russen ist. Dies ist erschreckend aber doch unsagbar erfreulich
nicht?
Mit hoher Wahrscheinlichkeit gehörte Das Kind zu den erwähnten Erzählungen. So sehr sich Das Kind - auch
sprachlich - vom Grimmingtor unterscheidet: Die Verwendung von Dialekt und das österreichische "Lokalkolorit"
haben Kubczaks Geschmack wahrscheinlich getroffen - und ihn wohl auch an den Erfolg des Grimmingtors erinnert,
dessen Autorin ja auch völlig unbekannt gewesen war. Für den Aufbau seines neuen Verlages hätte er die Wiederholung
eines solchen Erfolgs gut brauchen können.
Bereits Ende Februar hatte sich Christine Lavant dann auch für die Veröffentlichung ihrer Gedichte in Viktor
Kubczaks noch nicht existierendem Ver-
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16 Vgl. Christine Lavant an Paula Purtscher, 30.12.1945.
17 So wusste sie nicht, ob die Gedichte nun bei Leykam seien oder bei der PWB; man antwortete
ihr nicht. Am 23./24.2.1946 schließlich schrieb sie an Paula Purtscher: "Leykam hat sich noch nicht gerührt u. wenn
auch! - Mein Mann u. ich sind zu dem Entschluß gekommen daß ich auf keinen Fall mehr mit Leykam in Verbindung bleibe."
18 Vgl. Christine Lavant an Nora Purtscher-Wydenbruck, 30.9.1951: "'Das Kind' wurde so um Weihnachten 1945
geschrieben." In: Andrea Erhart: Nora Purtscher-Wydenbruck (1894-1959). Mediator Between The English- and
German-Speaking Cultures: Rilke, Eliot, Lavant, Braun, Janstein. Including Chronological and Bibliographical Data
about Her Life and Work. 2 Bde, Innsbruck: Diss. phil. 1999, S. 394. - Zu Nora Purtscher-Wydenbruck vgl. Anm. 31.
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lag entschieden.19 Am 7.3.1946 schreibt sie an Paula Purtscher, dass sie an
Kubczak "durch einen Vertrag gebunden" sei. Aber erst am 27.9.1948 wird ein offizieller Verlagsvertrag - d.h. ein
Vertrag Christine Lavants mit dem inzwischen gegründeten Verlag - abgeschlossen.20
Einen Monat später erscheint Christine Lavants erstes Buch Das Kind.21
2. Entschluss nach dem Krieg: ein neuer Name, ein neuer Anfang
Wie sieht das alles nun aus der Sicht Christine Lavants aus? Bisher haben wir nur wenige Zeugnisse vor 1945,
die Christine Lavant betreffen. Nur kurz kann und soll auf ihre schriftstellerische Aktivität hingewiesen werden:
In ihrem ersten Brief an Paula Purtscher vom 31.12.1935, der offensichtlich auf ein durch Adolf Purtscher
ausgerichtetes Angebot Paula Purtschers, Christine Lavant bei Veröffentlichungen zu helfen, Bezug nimmt, schreibt sie:
[...] Kurzgeschichten o. Gedichte schreibe ich nimmer, da solche zu viel verlangen. Routine Pointen - das reibt
auf u. ist ein gänzlich unrentables Beginnen (ich war näml. schon mal so eine Art Mitarbeiterin an einer
Zeitung allerdings nur ganz kl. Blatt u. sein Honorar erstreckte sich auf freies Abonnement u. Schreibmaterial.)
Ich bin jetzt daran meinen Roman zum dritten Mal umzuarbeiten u. hoffe in 1-2 Monat damit fertig zu werden.
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19 Vgl. Christine Lavant an Paula Purtscher, 23./24.2.1946: "Ich habe sie [die Gedichte] bereits
H. Kubczak bindend versprochen [...]."
20 Vgl. Brentanoverlag (Trude Kubczak) an die Josef-Friedrich-Perkonig-Gesellschaft (Erwin
Pabst), 4.12.1967.
Trude Kubczak schrieb diesen Brief nach dem Tod Viktor Kubczaks, als es um die Frage nach dem Verlagsnachlass ging.
21 Vgl. Viktor Kubczaks Brief an Paula Grogger vom 31.10.1948, in dem er ihr das Erscheinen
anzeigt.
22 Mit einem Brief Josef Friedrich Perkonigs an Christine Lavant vom 29.6.1936 sind ein
Roman - man darf wohl annehmen,
dass es sich dabei um den im Zitat angesprochenen handelt - und eine Erzählung (die Titel werden nicht erwähnt)
bezeugt. - In den Unterkärntner Nachrichten finden sich 1933 zwei und 1935 ein Gedicht/e. Da die Äußerung "nur ganz kl.
Blatt" ohne weitere Informationen zu diesbezüglichen Einschätzungen Christine Lavants nicht objektivierbar und
womöglich rhetorisch ist, muss dahingestellt bleiben, ob diese Veröffentlichungen damit gemeint sein könnten. - Im
Zuge der derzeit entstehenden Kritischen Ausgabe der Werke wird versucht, alle Veröffentlichungen zusammenzutragen.
Die Werkausgabe entsteht, gefördert vom Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, Wien, im RMI unter der
Leitung von Univ.Prof. Dr. Klaus Amann, wir arbeiten daran mit.
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Die Zeit nach dem sog. "Anschluss" (13. März 1938), die Nazi- und Kriegszeit ist derzeit ein weißer Fleck auf
der schriftstellerischen wie der biographischen Lavant-Landkarte. Und es scheint, als hinge die Tatsache, dass es
keine Briefe oder andere Dokumente aus dieser Zeit gibt, auch tatsächlich mit der Produktion und nicht nur mit der
Überlieferung zusammen. Auch im Anschluss an diese Zeit gibt es nur weniges, was darüber Aufschluss gäbe, wie
Christine Lavant Nazi- und Kriegszeit erlebte. Am 15.12.1945 schreibt die 30-jährige an Paula Purtscher über
"Einiges aus den letzten Jahren meines Lebens": über die bittere Armut und die katastrophalen Wohnverhältnisse,
über ihre Angst, "innerlich ganz u. gar zu dem Typ einer hysterischen Proletin herabzusinken", über die Erlösung
durch Worte:
Eines Tages bin ich mit dem Erlös für eine Strickarbeit in die nächste Buchhandlung gegangen um mir
etwas Tröstliches zu kaufen. Unter dem ganzen Wust politischer Schriften fand ich den Gedichtband v. Hans Gstettner:
"Die Götter leben!" Die ersten Zeilen die ich aufschlug trafen mich in der ganzen sprachlichen Schönheit wie ein
Schlag! "Der Dunst der Frühe lichtet um mein Haupt - gesanglos steigen - die dunklen alten - Stämme der
Eichen - -" u.s.w. - - Ja mein[e] liebe liebe Frau Primarius - nun begann für mich eine andere Zeit. Jeden Abend
wenn mich Verzweiflung u. Haß anfallen wollten, sagte ich mir ein paar der wundervollen Verse u. hatte dabei die
Vorstellung von hohen schönen aufgeräumten Wohnungen in denen sich gute vornehme Menschen befinden deren Seelen
hochgestimmt sind wie solche Verse u. die würdig sind solche Geisteswelt ganz u. gar zu verstehen u. zu erleben.
Und sehen Sie: Langsam kam ich dahin, daß es mir durchaus Trost genug war zu wissen, daß es Schönes überhaupt noch
gibt.
Sie selbst schreibt diesen Brief als Trost - sie sucht mit der Mitteilung ihrer schlimmen Erfahrungen und
dem anschließenden (hier zitierten) Hinweis auf das Schöne die Empfängerin zu trösten: Das erhabene Schöne,
die Kunst, gibt die Würde und Kraft, um mit der Erfahrung sozialer Deklassierung zu leben: In den uns vorliegenden
Briefen aus den Jahren 1945 und 1946 wird kein Detail der Vorgänge erwähnt, aber offenbar musste Adolf
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23 "Gstettner, Hans, *28.7.1905 Frontenhausen/Niederbayern; Dr. phil., war
kulturpolitischer
Schriftleiter am Völk. Beobachter in München; Lyriker. Schriften: Im Schatten des Berges (Filmb.) 1940;
Die Götter leben. Aus der Schau alter Bild[n]er (Ged.) 1941; Die Dioskuren (Ged.) 1942;
Die Getrennten (Ged.) 1944; Die Tiere (Ged.) 1944." In: Deutsches Literatur Lexikon [Kosch], 3.
Aufl., Bd. 6, Bern, München 1978, Sp. 983. Gez.: AS (= Anna Stüssi). - Wir konnten über Hans Gstettner keine weiteren
biographischen Angaben finden; das Zentrale Verzeichnis antiquarischer Bücher weist keine Publikation nach
dem Jahr 1944 auf, ebensowenig der Bibliotheksverbund Bayern.
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Purtscher die Stelle als Primarius an der Augenklinik in Klagenfurt aufgeben (er eröffnete dann in Lienz seine
eigene Praxis).
Über ihr eigenes Schreiben äußert Christine Lavant sich so lapidar wie entschlossen, auch der oben
beschriebenen Funktion von Kunst sich annähernd: "Meine Gedichte? - Behelfe u. Versuche ein Versprechen vielleicht? Aber
es wird schon werden!!"
Es ist ein irritierender Umstand, dass Christine Lavant, die mit ihrer "Irrenhaus"-Erfahrung und dem
Bewusstsein ihres Außenseitertums - nicht zuletzt auch als Frau, die Weiblichkeitsvorstellungen nicht entsprach - die
Nazizeit nicht ohne das Gefühl von Bedrohtheit verbracht haben kann, sich mit Personen solidarisiert, die zu jener
Zeit als Parteimitglieder - zurückhaltend ausgedrückt - zumindest wenig zu befürchten hatten und nun eine Art von
Konsequenz tragen mussten.
Krieg und Nazizeit werden in diesem wie in anderen Briefen nicht thematisiert.
Mehr über die innere Situation Christine Lavants erfahren wir in einem Brief vom 17.12.1945, den
sie, zwei Tage später, an Gertrud Purtscher-Kallab sendet:
Aber ich war jetzt nahezu zehn Jahre zu einer völligen innerlichen Stummheit verurteilt u. habe
in dieser Zeit (wenn es hoch geht) vielleicht 20 Briefe geschrieben u. die ganz bedeutungslos den Schwestern u.
so. - Nun da sich - (aus weiß Gott welcher Begnadigung heraus?) endlich wieder eine Stelle ergeben hat, wo
ich das Meine hintun kann, bricht es mir aus allen Rändern heraus wie eine Sturzflut. Ich könnte überhaupt nichts
mehr als schreiben u. nur an Euch schreiben.
Die "Stelle [...], wo ich das Meine hintun kann" ist metaphorisch formuliert, doch zeigen weitere Briefe,
dass diese Formulierung auch im Zusammenhang mit ganz konkreten Vorgängen gelesen werden kann: Christine Lavant
hat an Purtschers immer wieder Gedichte gesendet. Dabei sind Purtschers nicht nur Widmungsempfangende und Beschenkte,
sondern auch ein Aufbewahrungsort, eine Sammelstelle, eine Verwaltung - Paula Purtscher legt die
Gedichte auch ab24 -, eine Zwischenstation, vielleicht eine Art Protoöffentlichkeit.
Die Purtschers waren als "gute vornehme Menschen" in "hohen schönen aufgeräumten Wohnungen" Idealfiguren im Sinne einer
Ästhetik, aber durchaus auch noch weiter definiert (und darauf wurde ja schon im Hinblick auf den Brief von
1935 hingewiesen): sie hatten Beziehungen. Christine Lavant jedenfalls trennte sich von den Gedichten und wusste
sie zugleich wohl bewahrt.
Doch kommen wir nochmals auf die Angabe zur eigenen Produktion zurück: "nahezu zehn Jahre [...]
innerliche[n] Stummheit". In einem drei Monate
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24 Vgl. Christine Lavant an Paula Purtscher, 9.2.1946.
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später geschriebenen Brief, am 15.3.1946, schreibt sie an Paula Purtscher bezüglich einer Erzählung:
"Ich habe sie vor 7-8 Jahren geschrieben u. hatte sie vollkommen vergessen. Sie ist so maßlos frech so voll Humor u.
so an der äußersten Grenze des Möglichen [...]." Wie gehen wir mit den Zeitangaben um? Einerseits kann ihre
Unterschiedlichkeit auf Erinnerungsfehler oder absichtliche Verschiebungen verweisen, andererseits kann eine
Unterschiedlichkeit dieser Art sich noch aus der Empfindung heraus einheitlich lesen lassen: die Stummheit hat
den Beigeschmack der quälenden Ausdehnung und erhält eine "nach oben" gerundete Angabe ("nahezu zehn Jahre"),
die Erinnerung an lebendiges und offenbar genussvolles Schreiben eine konkretere ("vor 7-8 Jahren geschrieben").
Das Relative an Selbstaussagen bedenkend, wollen wir einen Überschneidungszeitraum der
"Unproduktivität" ausmachen: nämlich den der Kriegszeit, vielleicht den der gesamten Nazizeit seit dem sog.
"Anschluss". War sie abgelenkt? War ihr die Kehle zugeschnürt? Hat sie sich entschieden? Hat sie sich verweigert?
Ihre Erfahrung nach dem Krieg war offenbar die Erlösung von einer dieser Konstruktionen. Ob und inwieweit Christine
Lavant vor und nach dem Krieg anders geschrieben hat, ob und wie sie Kriegserfahrung und Nazierfahrung in ihren
Texten verarbeitete, ist ein eigenes Thema und ohnehin erst sinnvoll mit Hilfe der für die Werkausgabe ermittelten D
atierungen durchzuführen.
Jedenfalls: "Christine Lavant" wurde sie erst nach dem Krieg. Sicher hatte sie aus ihrer
Vergangenheit heraus keine Veranlassung, sich ein Pseudonym oder, wie sie selbst schrieb, einen "Decknamen"
zuzulegen. Wozu diente er? Christine Lavant hatte vier Namen zur Verfügung: den Geburtsnamen Thonhauser, den
Namen ihres Mannes - sie heiratete Josef Benedikt Habernig, einen Kunstmaler, am 22.4.1939 -, eine Kombination
aus beidem sowie einen Decknamen (wir lassen die unterschiedliche Verwendung ihres Vornamens von Christine und
Christl beiseite). Ihr Schreiben an den Leykam-Verlag vom 19.12.1945 unterschreibt sie mit Christl
Thonhauser-Habernig (im hs. Briefkopf Christine Thonhauser-Habernig). Ein zweites Schreiben an den Verlag vom
7.1.1946 an dessen Direktor zeichnet sie mit Christl Habernig (wie im hs. Briefkopf). Die privaten Briefe an
Paula Purtscher beendet sie mit Christl Habernig oder Christl H.
Ob sich mit der unterschiedlichen Verwendung dieser ihrer Namen eine Entscheidung verband, ob sie selbst damit
verschiedene Identitäten bezeichnen wollte, kann nur erwogen werden. Uns interessiert hier vor allem, ob es einen
Zusammenhang von Namenswahl und Identität als Schriftstellerin gibt.
Am 10.3.1946 schreibt sie an Paula Purtscher: "Hätte Ihr schönes Verständnis mir nicht erlaubt Ihnen zu schreiben,
Ihnen die Gedichte zu schicken, es wären wohl nicht viele entstanden und die ‚Dichterin' Christl Thonhauser wäre
nicht geworden." Offenbar sah sie ihre Existenz als Dichterin durch diesen Namen repräsentiert. Dass sie selbst
eine solche wahrnahm, belegt auch
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folgende Formulierung, auch wenn sie in eine Koketterie gekleidet ist (an dieselbe, 15.3.1946):
"Aber, nun bin ich ja sozusagen eine amtlich beglaubigte Dichterin v. Gottes Gnaden u. kann mir schon allerhand
leisten."25 Wählte sie hier den Namen "Thonhauser", weil sie bereits als Christl
Thonhauser veröffentlicht hatte?26 War ihr der Geburtsname Thonhauser
identitätsnäher als der mit der Heirat angenommene Name Habernig? Wollte sie sich einen anderen Namen wählen als
den ihrer bürgerlichen Existenz, weil schon jemand seine Werke mit "Habernig" zeichnete, nämlich ihr Mann? Oder
könnte ihr Mann dagegen gewesen sein, dass sie "Habernig" verwendete, sei es, weil er nicht wollte, dass die
Dichterin als seine Frau zu identifizieren wäre, sei es, weil er der einzige Künstler sein wollte, der seine Werke
mit "Habernig" zeichnete?27
Es wird in der Forschung kolportiert, dass Viktor Kubczak ihr die Annahme eines Pseudonyms
nahegelegt hat; bezeugt
ist es nicht. Die bislang erste Erwähnung des Namens "Christine Lavant" in Bezug auf die Schriftstellerin Christine
Lavant findet sich jedoch in engem Zusammenhang mit Kubczak, nämlich im Gästebuch Paula Groggers: Christine Lavant
war vom 11.-20. Mai 1946 in Öblarn, und in dem Gelegenheitsgedicht, das sie in das Gästebuch schrieb, möchte man
beinahe eine wie auch immer komisch und kokett ver-
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25 Gewachsenes Selbstvertrauen, nämlich im Hinblick auf eine
Berufsbezeichnung, die sich auch im Unterschied zum "Mensch"-Sein zeigt, äußert sich in folgender Formulierung:
"Als Autorin komme ich vorläufig für niemanden ausser Herrn K. in Frage und als Mensch, das müsst Ihr doch einsehen,
bin ich wirklich keine erquickliche Erscheinung." (an Gertrud Purtscher-Kallab, am 15.1.1947). Auch im Brief vom
30.1.1947 an dieselbe gibt es diese Trennung: "Ich bin Herrn K. nicht bloss vertraglich als Autorin, sondern sehr
auch als Mensch verpflichtet [...]."
26 Vgl. Anm. 22. - Die Verwendung des Namens "Christine Lavant" für jede Zeit des Lebens
von Christine Thonhauser, verh. Habernig, ist problematisch - als würde ihr Leben nur durch den Namen repräsentiert,
unter dem sie bekannt wurde. Wir wollen aber eigentlich nicht den Eindruck entstehen lassen, als mache nur
Bekanntheit interessant. Letztlich ist es wohl ein ökonomischer Grund (wobei Ökonomie auch immer nur eine Frage von
Gewohnheiten und Normen ist), einen Namen für eine Person zu verwenden und dann den, unter dem sie
die meisten kennen.
27 Es gibt eine Landschafts-Zeichnung (auf einem Blatt eines Skizzenblocks), die evtl.
signiert ist mit "45. Chr. Lavant". Wir sahen die Signatur jedoch nur kurz bei der Sichtung eines Nachlassteils.
Wir können nun nicht mehr sicher sagen, ob wir die Zahl richtig gelesen haben, denn sehr leicht kann man die 8 mit
einer 5 verwechseln, vor allem, wenn über der Jahreszahl ein Abkürzungsstrich (für die Jahrhundertangabe) ist wie
in diesem Fall. Die Zeichnung hat mittlerweile den Besitzer gewechselt und ist uns leider nicht zugänglich gewesen.
Das wäre die bisher früheste Erwähnung dieses Namens und würde oben erwogene Zusammenhänge mit Christine Lavants Mann,
dem Maler J.B. Habernig, bekräftigen. Solange sie malte, wäre es wohl kaum denkbar gewesen, mit demselben Namen zu
zeichnen - zumal sie wie Habernig Landschaft malte.
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zerrte Schilderung der Ereignisse lesen. In jedem Fall thematisiert es einen sehr konkreten Kontakt zwischen ihr
als Autorin und dem Verleger:
St. Öblarn ist fast eine Stadt,
die Häuser und auch Gärten hat
und - - - große Dichterfürsten!!!
Und Wirtinnen, die schmachtend dürsten
nach Weinen nicht, nach Dichterblut!
Verleger, die mit hohem Mut
und löblicher Entdeckerwut
und einer wahren Pläneflut
(den Dichtem tut sie nicht sehr gut!)
sich auf Autoren stürzen,
das Leben ihnen kürzen....
Sie sind wie Henker stur und hart
und harfen in dem fahlen Bart
wie sanfte Missionäre.
Sie möchten schlafen, dürfen's nicht,
es treibt sie mit geborgtem Licht
die schändlichste Megäre,
in hellen Gärten hin und her,
macht ihnen dieses Leben schwer,
das himmlische zur Frage; - -
sie ist die zwölfte Plage!!! -
Und mehrt sogar die große Ebbe....
Ach, wäre nicht die zarte Hebe
die Fraue, die so hehr und licht
Klöße serviert, wie ein Gedicht
und Tee (und andre Sachen!)
die noch mehr Freude machen -
man hätte nichts zu lachen.
Denn, was die Nacht durchs Fenster reicht,
daß man vor Freude fast erbleicht,
die fetten Schweinsportionen
sind leider nur Visionen -;
man muß sie gänzlich schonen,
sie sind sooo unerreicht!!!
Christine Lavant 11.5.-20.5.4628
Ein Brief Christine Lavants an Gertrud Purtscher-Kallab vom 22.11.1950 zum Tode von deren Mutter Paula
Purtscher lässt es aber auch als gut denk-
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28 Zeile 13: "harfen": unsichere Lesung. - Erstveröffentlichung.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung des Otto Müller Verlages, Salzburg / Arno Kleibel.
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bar erscheinen, dass der Name "Lavant" für die Schriftstellerin schon gemeinsam mit Paula Purtscher erwogen
worden sein könnte: "Würden Sie liebe Trude mir späterhin einmal mitteilen wo das Grab der Lieben ist? Sie soll
von ihrem Geschöpf von ‚Christine Lavant' wenigstens einmal den Hügel geschmückt bekommen und ein nahes Gebet."
Das jedoch könnte auch einfach die ihr nun schon gewohnte Verwendung dieses Namens für die schon im Brief
vom 10.3.1946 gepflegte Konstruktion, Paula Purtschers "Geschöpf" zu sein, gewesen sein. Letztlich fiel
jedenfalls die Entscheidung zugunsten des Namens "Lavant". Offenbar haben im Hinblick auf Veröffentlichungen
sowohl Christine Lavant wie Viktor Kubczak ein Interesse gehabt, die Person Christine Habernig zu verdecken.
Christine Lavant schreibt an Paula Purtscher am 17.4.1947:
Herr Kub. schreibt, dass er gegen eine Lesung nichts einzuwenden hat falls d es müsste nur
festgelegt werden, dass die Verlagsrechte bei dem "Andreas Gryphius" Verlag [vgl. Anm. 56] liegen. [...]
Von mir aus habe ich nur die Bitte, dass mein Name nicht erwähnt wird, wenn es ohne Namen nicht geht, dann
eben unter dem Decknamen "Christine Lavant".
1948 erscheint dann ihr erstes Werk, die Erzählung Das Kind, mit dem biographischen Kurzvermerk
"Christine Lavant geb. Thonhauser, geboren am 4.7.1915 in Edling". Nie hätte man diese Autorin finden können;
es sei denn über Rücksprache mit dem Verlag.
1950 erscheint erstmals ein langer Artikel über Christine Lavant in der Zeitung. Die Klagenfurter
Verlegerin Edith Kleinmayr und eine Redakteurin der in ihrem Verlag herausgegebenen Klagenfurter Zeitung
hatten sich auf die Spur der Autorin der Bücher begeben, die sie über den Buchhandel kennen gelernt hatten.
Sie vermuteten ein Pseudonym und hinter dem Pseudonym zunächst eine andere Person aus dem Lavanttal. Diese,
Ingeborg Teuffenbach-Capra, hat Christine Lavant dann angesprochen; Christine Lavant schrieb - mit dem
Briefkopf "Christl Habernig (Lavant)" - an Edith Kleinmayr und ermöglichte einen Besuch. Im Zuge der
Planungen bittet Christine Lavant Edith Kleinmayr bei Rückfragen folgende Adresse anzugeben: "Christl Habernig
(bitte ja nicht "Lavant") bei Frau Anna Wigotschnig [...]" ([28.5.1950]). Edith Kleinmayr tritt in der
Interviewsache mit Viktor Kubczak in Kontakt - es wird dann auch bald um den Vertrieb seiner Bücher in
Österreich und um Lizenzausgaben seiner Bücher in ihrem Verlag gehen - und schreibt an Christine Lavant am 16.6.1950:
Von Herrn Kubczak habe ich einen liebenswürdigen, ausführlichen und zustimmenden Brief erhalten;
er möchte nur nicht, dass Ihr Pseudonym "Lavant" aufgedeckt wird. Bücher und Prospekte wird er mir zur
Verfügung stellen. Frau Dr. Springschitz wird sich nun eingehend mit ihren bisher erschienenen Büchern befassen
und den Bericht Ihnen vorerst im
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Manuskript schicken, damit Sie ihn noch vor der Veröffentlichung überprüfen können.
Am 12.8.1950 erscheint der Artikel über Christine Lavant in der Klagenfurter Zeitung, verfasst von
Leopoldine Springschitz.29 In diesem Artikel wird zwar nicht gesagt, dass
sich hinter der Autorin Christine Habernig aus St. Stefan verbirgt, doch fällt der Name St. Stefan und Christine
Lavant ist abgebildet! Mögen früher nur ausgewählte Bekannte30 die Auflösung gehabt
haben, so lässt sich eine Tarnung doch nicht wirklich aufrechterhalten, wenn die Presse bemüht wurde?
Wir können nicht genau sagen, ob Christine Lavant zu dem Zeitpunkt, als sie Viktor Kubczak als
Verleger ihr "Ja" gab, wusste, dass dieser nach Deutschland gehen müsste. Es könnte jedoch genau dies ein Grund für
ihre Zustimmung gewesen sein. Wieweit sie mit den dann folgenden problematischen Umständen gerechnet hat, wieweit
sie bereit war, aufgrund zu erwartender schwierigerer Umstände eine Erschwerung ihrer Karriere in Kauf zu nehmen, muss
offen bleiben. Jedenfalls schreibt sie am 11.8.1951 an Nora Purtscher-Wydenbruck,31
die Werke Christine Lavants übersetzen wollte:
Es ist Umgang, Laurentius [Laurentius = 10.8.] Ich wagte mich nahezu nicht aufs Postamt
weil ich fürchtete die Kirchleute zu treffen. Bekannte Bauersleute, die alle - seit hier das "Krüglein" bekannt
worden ist - eine Riesenwut auf mich haben. Das ist mir nicht gleichgültig, aber ich kann nichts mehr dagegen
machen; - wenn ich geahnt hätte, dass die Bücher je auch nach Österreich eingeführt werden würden, so hätte ich
sie sicher nie geschrieben. Das ist das Schwere wenn man als Dichter nur aus der Wahr-
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29 Leopoldine (= Lee) Springschitz hat die Vorgänge auch in einem
Aufsatz festgehalten: Eine Dichterin tritt aus der Verborgenheit. In: Steige, steige, verwunschene Kraft.
Erinnerungen an Christine Lavant. [Hrsg. von Ida Weiss], Wolfsberg: Ernst
Ploetz 21991, S. 11-19.
30 Vom 10.11.1949 gibt es einen Brief Christine Lavants an Evlyn Wolf, die sie über
Gertrud Purtscher-Kallab kennengelernt hatte, mit dem Briefkopf: "Christl Habernig (Lavant)". - Offenbar
hatte Christine Lavant zunächst trennen wollen zwischen dem Autorinnennamen und dem bürgerlichen Namen: Es gibt
ein Ingeborg Teuffenbach gewidmetes Gedicht vom 6.6.1948, gez. mit "Christine Lavant", den nächsten Brief
vom 22.6. unterschreibt sie jedoch mit "Christl H.". Im nächsten Brief vom 19.7. zeichnet sie zunächst mit
"Chr. L.", überschreibt dann aber das "L" mit einem "H". (Vgl. Christine Lavant: Herz auf dem Sprung. Die
Briefe an Ingeborg Teuffenbach. Im Auftrag des Brenner-Archivs, Innsbruck, hrsg. u. m. Erl. u. e. Nachw.
versehen von Annette Steinsiek. Salzburg, Wien 1997, S. 17-23.)
31 Nora Purtscher-Wydenbruck, Übersetzerin, Schriftstellerin, Journalistin, lebte seit
1926 in England. Sie war mit Adolf und Paula Purtscher verschwägert. Die Bekanntschaft mit Christine Lavant wurde
von Edith Kleinmayr vermittelt. - Andrea Erhart (wie Anm. 18), S. 392.
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haftigkeit etwas holen kann, dass man dann Vorgänge blosslegt und in die Öffentlichkeit bringt, die besser
verborgen bleiben.
Und Jahre später (an dieselbe, 21.2.5832):
Als ich dieses Manuss. schrieb [eine Erzählung, Herbst 1946, da war sie schon erklärte
Autorin von Viktor Kubczak und dessen Verlag] und dem Verleger überliess, dachte ich ja, dass der Name Lavant
mich für immer decken würde, dass niemand dahinterkommen würde dass ich es bin. Jetzt aber ist alles in aller
Welt bekannt. Bitte bitte verstehen Sie mich Sie Liebe Verehrte Frau, bitte! Schicken Sie mir das Manuss. zurück,
verbrennen Sie die Übersetzung um Christi Willen bitte ich Sie darum und will Ihnen den Schaden so gut ich
kann nach und nach ersetzen.
In Kombination der verschiedenen Briefzeugnisse lässt sich vermuten, dass Christine Lavant bestimmte
Erzählungen "erst" unter dem Namen "Lavant" geschrieben hat; ja dass der "Deckname" möglicherweise
geradezu ein Katalysator für die schriftstellerische Identität und Aktivität (zumindest für die Prosa) gewesen
ist. Und Deutschland war ein großer und sicherer, also attraktiver Verbreitungsraum. Also: Christine Lavant
wollte Schriftstellerin sein, sie wollte - oder musste - "aus der Wahrhaftigkeit holen", sie wollte niemanden
bloßstellen, sich nicht bloßstellen, sie wollte nicht angreifbar werden. Allerdings: musste sie nicht doch auch
mit all dem gerechnet haben, was passierte?
Was nützte das Pseudonym Viktor Kubczak? Wir spekulieren: ein schöner Markenname und
erschwerter Zugriff auf eine Person, auf die er selbst wenig direkten Einfluss hatte. Es gibt kein Dokument,
das darüber Aufschluss gäbe, wie es keines gibt, das die Wahl dieses Namens erläuterte. Wir spekulieren weiter:
wohlklingend, ein bisschen lateinisch-humanistisch angehaucht, repräsentativ, verfremdend, aber doch auf den
richtigen Ort verweisend. Christine Lavant hat, allerdings 1961 und vielleicht abgeklärter, durchaus zwei einander
widersprechende Angaben zugelassen. Wieland Schmied hat ihr seine Einleitung und die kurze Biographie zum von ihm
herausgegebenen Buch mit Gedichten und Erzählungen zur Kenntnisnahme und Korrektur zugesandt - sie verbesserte
manches, ließ aber folgende Aussagen zu: "wählte sie sich als Namen für den Menschen, der da schrieb, den Namen
ihres Heimattales: Lavant" und "Schon für ihre ersten Publikationen wählte sie sich den Namen des Flusses ihrer
Heimat: Lavant."33
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32 Andrea Erhart (wie Anm. 18), S. 398f.
33 Vgl. die Briefe von Wieland Schmied vom 3.10.1960 und 5.3.1961 sowie die
Publikation: Wirf ab den Lehm. Eingeleitet und ausgewählt von Wieland Schmied. Graz, Wien 1961, S. 6 u. 123.
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3. Die Verlagssituation
Viktor Kubczak wollte seinen Verlag in Österreich aufbauen; er musste Österreich jedoch verlassen,
vermutlich, weil er als "Reichsdeutscher" als Flüchtling nicht anerkannt und nach Deutschland abgeschoben wurde.
Seit wann Viktor Kubczak wusste, dass er in Öblarn nicht bleiben konnte, ist bislang nicht bekannt.
Am 29.7.1946 verließ er mit seiner Frau Öblarn in Richtung Bayern, wo sie noch einige Jahre bleiben sollten.
Ob die Beteiligten wussten, wie schwierig der künftige Kontakt sein würde, entzieht sich unserer
Kenntnis - sicher hat sich niemand die Schwierigkeiten im Einzelnen vorstellen können, die wir im
Folgenden skizzieren wollen.34 Deutschland und Österreich, bis dahin "ein
Reich",35 waren auf spezifische Weise und besonders weitgehend voneinander
isoliert. Das betraf den Handel (dazu später), den Personenverkehr (dieser war noch mindestens bis Mitte 1947
genehmigungspflichtig,36 eine Person, die 1947 schwarz über die Grenze ging,
"musste drei Wochen sitzen",37 erst 1953 war davon die Rede, die Visumpflicht
für die Einreise von Deutschen nach Österreich aufzuheben38), den Postverkehr
(Briefe wurden im schlimmsten Fall an jeder Besatzungszonengrenze und an der Staatsgrenze
zensiert39 und brauchten deshalb sehr lange),
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34 Wir beziehen das Wissen darüber vor allem aus dem Briefwechsel
zwischen Viktor Kubczak und Paula Grogger. Es geht dabei um Erfahrungen, Perspektiven, Einschätzungen und
Handlungen von Personen, die als aufmerksame und interessierte Zeitzeugen gelten können. Die beiden müssen nicht
immer richtig oder aktuell über Verordnungen oder Zusammenhänge informiert gewesen sein.
35 Dass Deutsche und Österreicher auch in "einem Reich" so ihre Schwierigkeiten
miteinander hatten, belegt ein Brief von Paula Grogger an Viktor Kubczak vom 6.10.1944: "[...] alle
Anschlusspioniere und Vollblutnazi sind derart gegen die Preussen, dass du es dir nicht vorstellen kannst.
Sowas an Hass!"
36 Vgl. Paula Grogger an Viktor Kubczak, 10.5.1947. - Vgl. auch Viktor Kubczak an
Paula Grogger, 20.1.1947: "Ich hoffe, dass es im Spätsommer bereits möglich sein wird, ausnahmsweise in
Österreich einzureisen und würde die erste Gelegenheit natürlich wahrnehmen."
37 Vgl. Paula Grogger an Viktor Kubczak, 10.5.1947.
38Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 8.9.1953: "Nun gibt es bei Euch keine Briefzensur,
man braucht keine Genehmigung mehr zur Einreise nach Wien, und wie man liest, ist beabsichtigt, zwischen Deutschland
und Österreich das Visum ganz aufzuheben. Na also!"
39 Vgl. Paula Grogger an Viktor Kubczak, 12.3.1947, Nachtrag vom [17.3.1947]. - Die Zensur
sah u.a. vor, dass man handschriftliche Briefe in lateinischer Schrift schrieb, damit diese für in nichtdeutschen
Schulen ausgebildete Personen (Zensoren) leichter zu lesen wären. Andererseits konnte Paula Grogger in einem Brief
an Viktor Kubczak (13.2.1947) den Zensor direkt ansprechen und schreiben (in lateinischer Schrift oben auf einem
in deutscher Schrift verfassten Brief): "Bitte haben Sie, sehr geehrte Herrn der Zensur Nachsicht mit der
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den kulturellen Austausch, den Fremdenverkehr etc. Die Alliierten wollten Kollaborationen, Verdunkelungen,
erneuten Zusammenschlüssen vorbeugen. Trennungsanordnungen mischten sich mit Trennungsbestrebungen, und die
Isolierung funktionierte von beiden Richtungen aus. Österreich grenzte sich von Deutschland ab und bezeichnete sich
als erstes Opfer des Nationalsozialismus. Dazu ein Auszug aus einem Brief Viktor Kubczaks an Paula Grogger kurz
nach dessen Ankunft in Deutschland Ende August 1946:
Ich erfuhr übrigens, warum sich hier eine gewisse Verstimmung gegen die braven Öst. gezeigt
hatte. Der Grund war eine Äusserung von Figl in einer Rede, die drüben nicht vollständig abgedruckt war.
Er hatte gesagt: als Gäste für unseren Fremdenverkehr laden wir ein alle Länder usw. mit Ausnahme von Deutschl.
Die Deutschen sollen erst einmal Busse tun! Darauf sind dann in der hiesigen Presse entsprechende Glossen
veröffentlicht worden.40
So war tatsächlich eine Zeit lang im Gespräch, dass Österreich von Deutschland Reparationszahlungen verlangen
wollte.41
Von deutscher Seite bestand an Österreich offenbar wenig Interesse: "Es kommt mir ganz
seltsam vor, wie sich die Kulissen und Aspekte verschoben haben. Nun hört und sieht man von Österreich nichts
mehr!" schreibt Kubczak an Grogger kurz nach der Ankunft in Deutschland.42
Viktor Kubczak hatte aufgrund der alltäglichen Erfahrungen nun natürlich die Frage, ob er mit
zwei für ihn wichtigen österreichischen Autorinnen in Deutschland Schwierigkeiten haben würde. Dies hatte
er bald geklärt: Es gab keine43 - formell. Bald nach Ankunft in Deutschland
bemühte er sich um eine Verlagslizenz.44
Noch bevor er eine hatte begann er aber schon mit Lektoratsarbeiten. Doch auch dabei gab es
praktische Probleme, z.B. den Postverkehr. Pakete zu senden war nicht möglich. Geschäftlicher Briefverkehr mit
dem Ausland war
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Schrift ich vergass die Lateinschrift, bin aber krank und das Nochmalschreiben strengt mich
an! -" Der Zensor schrieb darunter: "selbstverständlich Zensor"!
40 Viktor Kubczak an Paula Grogger, Aiterhofen (Kreis Straubing) 27.8.1945. - Leopold
Figl war zur Zeit der Abfassung des zitierten Briefes Staatssekretär der provisorischen Staatsregierung
(ÖVP). Ab 20. Dezember 1945 war er Bundeskanzler der Republik Österreich (bis 1953).
41 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 20.1.1947: "Gewisse Verdriesslichkeiten und
Ironien, die das Verhältnis zu Österreich trüben, empfinde ich peinlich, wenn auch nicht so tiefgehend wie
andere. [...] Dass man auch Reparationen verlangen will, gehört zum gleichen Thema."
42 Viktor Kubczak an Paula Grogger, 4.8.1946.
43 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 2.9.1946: "Eins weiss ich jedenfalls:
irgendwelche Hindernisse bestehen für öster. Autoren hier in keiner Weise."
44 Vgl. z.B. den Brief an Paula Grogger vom 2.9.1946.
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in Deutschland erst ab Dezember 1946 erlaubt.45 Briefe waren vom Gewicht her
beschränkt,46 trotzdem war es aber zumindest bis Ende 1948 von Deutschland
aus nicht möglich, Drucksachen (auch nicht als Anlagen zu Briefen) nach Österreich zu schicken, und die Preise
für die Postbeförderung von Deutschland nach Österreich waren höher als die nach
Südamerika.47 Alle Briefe mussten durch die Zensur, was natürlich
Zeitverzögerung bedeutete: Zehn Tage von der Steiermark nach Bayern war offenbar ein
Rekord.48 Die Zensur in Deutschland scheint Mitte 1948 aufgehoben worden
zu sein,49 die in Österreich erst im
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45 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 6.12.1946.
46 Das wird sicher für beide Richtungen gegolten haben, genauere Informationen gewinnen
wir aus dem Schriftwechsel nur über die Richtung von Österreich nach Deutschland: So schreibt Viktor Kubczak an
Paula Grogger am 12.1.1947 aus Aiterhofen: "Falls Du in absehbarer Zeit keine Möglichkeit haben solltest, es
[ein Manuskript] mir zu schicken (wahrscheinlich besteht im März über Christl Habernig eine solche Möglichkeit,
wie ich hörte) - so könntest Du ja auch die Maschinenschrift (Durchschlag auf dünnem Papier) auf mehrere Briefe
verteilt schicken. Bis 20g darf ein Auslandsbrief ja wiegen." Für die Aufhebung der 20g-Regelung vgl. Viktor
Kubczak an Paula Grogger, 23.3.1948: "Du scheinst noch nicht zu wissen, dass es neuerdings möglich ist,
gewichtigere Briefe nach Deutschland aus Österreich zu schicken."
47 Drucksachen konnten von Deutschland in jedes Land geschickt werden, nur nicht nach
Österreich. Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 15.1.1948: "Vielleicht ergibt sich schon im Laufe dieses
Jahres eine Lockerung im Verkehr mit Österreich. Einstweilen hält man ja noch sehr den Daumen drauf: nicht
einmal Drucksachen kann man hin und her schicken! dagegen in jedes andere Ausland." Vgl. auch Viktor Kubczak
an Paula Grogger, 21.12.1948: "Wenn dann noch solche Fehlzündungen wie im Verkehr mit Österreich zustandekommen,
ist es doppelte Arbeit und doppelte Ausgabe. Groteskerweise kann man von uns aus ausgerechnet nach Österreich immer
noch keine Drucksache schicken! nicht einmal als Anlage zu einem Brief. Jedenfalls ist das bei Sendungen in die
sowj. besetzte Zone offenbar der Fall. Ich bekam in den letzten Tagen mehrere Sendungen zurück, die jede 2,70 bis
4.- Mk kosteten, während die gleiche Sendung nach Argentinien 80 Pfg kostet und unbeanstandet durchgeht."
48 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 29.4.1947: "Meine Hochachtung vor Eurer
Zensur! Dein Brief vom 19.IV. ist genau zehn Tage gegangen. Nach Berlin gehen von hier aus Briefe oft vier
Wochen."
49 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 27.7.1948: "Neuerdings gehen die Briefe, wie es
scheint, ohne Zensur." Es ist erstaunlich, dass es so schwer ist, ein konkretes Datum zur Aufhebung der Briefzensur
zu finden. Vielleicht erfolgte sie nicht einheitlich. Offenbar hatte auch Kubczak, den das Problem und dessen Ende
sicher dauernd und konkret interessiert hat, keine Information - man könnte erwarten, über die Presse oder den
Rundfunk -, sondern eine Einschätzung aufgrund von Erfahrungen.
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September 1953 (vgl. Anm. 38). Wie also Manuskripte verschicken, Korrekturgänge möglich machen, gar Pakete
mit Druckfahnen hin- und herschicken?
Viktor Kubczak und Paula Grogger versuchten dies über Evakuierungszüge oder über dritte Personen.
Offenbar wurde der Kontakt zwischen Familienmitgliedern anders gehandhabt. Jedenfalls versuchten Kubczak und
Grogger über zwei ihnen bekannte Schwestern, von denen eine in Deutschland, die andere in Österreich lebte, eine
Paketübergabe zu ermöglichen. Auch Christine Lavant wurde von Paula Grogger empfohlen, dies so zu handhaben.
Natürlich mussten diese Mittelspersonen auch "geschmiert" werden.50
Viktor Kubczak war offenbar als Verleger so anerkannt und politisch so unbelastet, dass ihn
die amerikanische Militärregierung als neuen Direktor für den NS-belasteten Cotta-Verlag vorschlug. Die letztlich
fruchtlosen Verhandlungen zwischen der Regierung, Kubczak und der Familie Cotta dauerten von September 1946
bis April 1947.51 Sie verzögerten die Verlagsgründung
Kubczaks,52 da er sich während dieser Zeit nicht um die Durchsetzung seiner
eigenen Verlagslizenz kümmern konnte.53 Nichtsdestotrotz stand der Name
seines Verlags seit spätestens Oktober 1946 fest: "Gryphiusverlag".54 Daneben
bemühte er sich um den Aufbau von Verlagsbuchhandlungen.55 Neben diesen
Bemühungen ließ er die Bücher von Paula Grogger bereits setzen, obwohl er noch keine Lizenz hatte, weil er darin
die "Möglichkeit der Geldanlage und
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50 Vgl. zu diesem Komplex: Paula Grogger an Viktor Kubczak, 12.3.1947,
Nachtrag vom [17.3.1947] (dort auch Zitat).
51 Vgl. den Briefwechsel Viktor Kubczaks mit Paula Grogger aus diesem Zeitraum.
52 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 21.3.1947.
53 Eine Verzögerung bei der Lizenzvergabe an Kubczak gab es auch, weil es Anschuldigungen
gegen seine Hauptautorin Paula Grogger gab, sie wäre "Pg", also Mitglied der NSDAP gewesen. (Vgl. Anna Rodler
[Sekretärin und Freundin von Paula Grogger] an [?], 29.7.1947.) Die Anschuldigungen stimmten nicht, jedenfalls
gibt es auch im Berlin Document Center keine Akte, die die Parteimitgliedschaft nachweisen würde. Paula Groggers
Briefwechsel mit Kubczak vor 1945 zeigt sie als Gegnerin der Nationalsozialisten - sie war Katholikin und
Monarchistin. Offenbar hatte sie v.a. unter den Orts-Nazis zu leiden. An Kubczak schreibt sie - während des Krieges
und trotz der Militärzensur, durch die die Briefe gingen - unverhohlen über die Nazis und was sie ihr absichtlich
antun (bei Einquartierungen etc.), sie schreibt Namen von Personen aus, auch wenn es sich z.B. um den
Ortsgruppenleiter von Öblarn handelt.
54 Vgl. die erste Erwähnung im Brief Viktor Kubczaks an Paula Grogger vom 12.10.1946, aber
auch den Brief Christine Lavants an Paula Purtscher vom 17.4.1947. Der Name war wohl nicht zufällig der eines
Schlesiers.
55 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 21.3.1947. - Im Mai 1947 konnte er ihr melden,
dass die "Eichendorff-Buchhandlung" in Recklinghausen in Westfalen genehmigt wurde (vgl. Viktor Kubczak an Paula
Grogger, 30.5.1947). - Joseph von Eichendorff war ebenfalls Schlesier.
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des Zeitgewinns" sah (an Paula Grogger, 21.3.1947). Vermutlich geschah diese "Geldanlage" durchaus auch im
Hinblick auf eine Währungsreform.
Nach längerem Hin und Her hat Kubczak schließlich Ende Juli 1947 die Lizenz in Stuttgart
erhalten.56 Die Schwierigkeiten waren damit nicht zu Ende. Es war nicht einfach,
einen Termin bei den überlasteten und vermutlich größere Aufträge bevorzugenden Druckereien zu bekommen, und Papier
war knapp und musste genehmigt werden. "Ich habe immer noch kein Papier", schreibt Kubczak am 15.1.1948 an
Paula Grogger; und diese Klage setzt sich bis Ende September fort.57
Ende Oktober erschienen schließlich die ersten beiden Bücher des Brentanoverlags,
Christine Lavants Das Kind und eine Wiederauflage von Paula Groggers Die Sternsinger. Sie
waren allerdings einige Jahre später nur mehr schwer verkäuflich. Das Papier, die Ausstattung - solche Bücher
waren in den 50er Jahren eher eine unangenehme Erinnerung, und man konnte sie schon gar nicht zu den
regulären Preisen verkaufen, die Viktor Kubczak dafür verlangte.58
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56 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 27.7.1947
(Poststempel 29.7.1947; Postkarte mit Stempeln der Zivilzensur in der britischen Zone und der U.S. Civil
Censorship): "Liebe Paula! Du sollst es als die erste wissen: ich erhielt soeben telegraphisch die
Mitteilung, dass mir in Stuttgart für meinen Andreas Gryphius-Verlag die Lizenz erteilt worden ist.
Die Genehmigung aus Berlin liegt vor [...]." Offenbar hat sich Kubczak jedoch nicht erkundigt, ob der
Name noch zu vergeben sei, und das schien auch keine Frage bei der Lizenzvergabe zu sein; wohl erst beim
Eintrag in das Handelsregister wurde klar, dass es bereits einen Andreas-Gryphius-Verlag gab. Wohl daraufhin
nannte er seinen Verlag dann in Brentanoverlag um.
57 Zur Verdeutlichung hier noch etwas zu den Modalitäten: "Die Papierzuteilung wird nun
allmählich in Fluss kommen. Aber es hat damit natürlich wieder mehrere Haken. U.a. den, dass ein Ausschuss
von 'Kollegen' die Stufe zu bestimmen hat, nach der das Quantum bemessen wird. Mich hat man menschenfreundlicherweise
in die niedrigste Gruppe einzustufen sich bemüht, weil ich ja bisher keine Produktion aufzuweisen hätte!
Ist das nicht wundervoll! Zur Belohnung dafür, dass ich alles verloren habe und bis heute noch nicht einen
Bogen bekommen habe, werde ich jetzt erst recht weniger bekommen." (An Paula Grogger, 15.3.1948) "Diese Zeit
ist eine Nervenprobe, besonders in meiner Situation. Ich könnte z.B. jetzt beliebige Mengen Papier bekommen, und
zwar auf dem Wege der Compensation: aber 12 Festmeter Schliffholz für 1 Tonne. Das heisst: 100 Festmeter für
ca 10 Tausend Grimmingtor. Aber wie soll ich zu dem Holz kommen! Auch gegen Altpapier bekäme man Papier: davon ist
die fünffache Menge nötig! Das sind heute groteske Zustände. Für meinen Beruf sind in solchen Zeiten andere Talente
erforderlich: die eines Gauners, Schiebers, Falschspielers. Wer ohne solche Tricks arbeitet, hinkt nach oder
kommt unter die Räder." (An Paula Grogger, 8.6.1948)
58 Vgl. die Briefe Viktor Kubczaks an Paula Grogger aus dem Jahr 1957.
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4. Dokumenter und Rezepter59
1997 und 1998 wurden zwei Fassungen der Erzählung Das Wechselbälgchen gefunden: ein Typoskript mit
handschriftlichen Korrekturen von Christine Lavant und Viktor Kubczak und eine Druckfahne mit geringfügigen
Korrekturen von Kubczak und einer weiteren (nicht identifizierten) Person. Im Zuge der Edition
des Wechselbälgchens wurden zu unserem Erstaunen markante Unterschiede zwischen den beiden Fassungen
deutlich: Christine Lavants Text war "eingedeutscht" worden - und zwar umfassend: in den Bereichen Lexikon,
Grammatik und Satzstellung. Gerade über Dialekt bzw. Umgangssprache transportierte Signale von Ironie und andere
Formen von Betonung gingen so verloren.
Ähnlich ist es auch der Erzählung Das Kind ergangen, von der wir 1998 in Privatbesitz
eine Handschrift der Autorin fanden, die mittlerweile an das RMI verkauft wurde. Auch hier zeigt ein Vergleich
mit dem 1948 gedruckten Buch spezifische Veränderungen. Beim Kind hat vor allem die Erzählperspektive
durch die Korrekturen Schaden genommen (in der Handschrift Verwendung von Dialekt bzw. Umgangssprache in der
direkten Rede, in der erlebten Rede sowie im inneren Monolog).
Die Inkonsequenz der Korrekturen in beiden Fällen lässt vermuten, dass Viktor Kubczak
selbst so seine Probleme gehabt haben muss: Einerseits wollte er ja gerade das Dialektale (im Sinne des
Volkstümlichen, Ursprünglichen?) als Element pflegen, andererseits hatte er seine eigene Vorstellung von
Stil und literarischer Qualität (und von der Verkäuflichkeit der Bücher).60
Nicht immer scheint er die Sprache tatsächlich gut genug gekannt zu haben, um alle Verwendungen als solche
zu erkennen.
Nur einige Beispiele zur Verdeutlichung: Unverständliche oder missverständliche Wörter
wie z.B. "Kotze" (für eine schwere Loden-Decke) wurden geändert; Ausdrücke der Umgangssprache wurden
korrigiert: "laßt" wurde zu "läßt", "lauft" zu "läuft", "festhaltet" zu "festhält"; mündlich verwendete
Verkürzungen wurden rückgängig gemacht: "hast heruntergearbeitet" wurde zu
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59 Dieses Kapitel fasst Ergebnisse zusammen, die wir in den Nachworten
zu Christine Lavants Erzählungen Das Wechselbälgchen und Das Kind ausführlich dargelegt haben. Vgl.
Christine Lavant: Das Wechselbälgchen. Hrsg. u. m. e. Nachw. versehen von Annette Steinsiek und Ursula A.
Schneider. Salzburg, Wien 1998, S. 110-116; Christine Lavant: Das Kind. Hrsg. nach der Handschrift im
Robert-Musil-Institut u. m. e. editor. Bericht versehen v. Annette Steinsiek u. Ursula A. Schneider. M. e.
Nachw. v. Christine Wigotschnig. Salzburg, Wien 2000, S. 76-91.
60 Vgl. die Vorgänge um das Grimmingtor: Auch da ging es um dialektale
Ausdrücke (vgl. Christoph Heinrich Binder (wie Anm. 5), S. 31). Zu dem Zeitpunkt (1926) war ein Kontakt zwischen
der Autorin und dem Verleger aber auf ganz andere Weise möglich als in den Jahren 1946-1948.
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"hast du heruntergearbeitet"; ungewöhnliche Pluralbildungen wie "Dokumenter" und "Rezepter" wurden der
Norm angeglichen61; Korrekturen des Konjunktivs wurden vorgenommen: "zerbrechen
würde" wurde z.B. zu "zerbräche". In Dialekt bzw. Umgangssprache typische grammatikalische Konstruktionen wurden
korrigiert, so z.B. die Vertauschung von Dativ und Akkusativ (z.B. "Lass mich aus mit deine blöden Faxen"), die
Verwendung des Dativs anstelle einer Genitivkonstruktion (z.B. "der Stall vom Bauern", "der Schwester ihre Bänder",
"schon wegen dem Wunderteppich"), die typische als/wie-Vertauschung (z.B. "stärker wie" oder "wie sie am Abend das
Engelchen zu sich nahm"), und das fehlende "zu" bei "brauchen". Trotzdem sollte offenbar etwas österreichisches
Flair erhalten bleiben: So ist eine Korrektur wie jene, aus dem "grad" in "Hat doch die Oberschwester grad gestern
wieder gesagt" ein "gerad" zu machen, keine Korrektur von der Umgangssprache ins Hochdeutsche, sondern eine
Korrektur ins Burgtheaterwienerische, in eine Kunstsprache.
Es ist anzunehmen, dass auch bei den anderen im Brentanoverlag erschienenen Erzählungen
(Das Krüglein, 1949; Die Rosenkugel, 1956) so korrigiert wurde. Nachprüfbar ist es nicht, da von keiner
der beiden Erzählungen Manuskript oder Typoskript vorhanden ist. Die Lavant-Forschung wird sich mit Textfassungen
zufrieden geben müssen, die höchstwahrscheinlich nicht Fassungen der Autorin sind. In einem Brief an Ingeborg
Teuffenbach schreibt Christine Lavant 1952, sie hätte noch nie Druckfahnen gelesen, bisher hätte das immer Herr
Kubczak für sie gemacht62 (die Druckfahnen waren aber ja auch 1948 auf legalem
Weg nicht zu verschicken gewesen). Die Frage, ob und wie viel Kenntnis sie von den Veränderungen hatte, oder wie
sie sich nach Kenntnisnahme der Bücher zu den vorgenommenen Änderungen verhielt, muss unbeantwortet bleiben, da
sich ja der Briefwechsel zwischen Christine Lavant und Viktor Kubczak nicht erhalten hat und sich in anderen
Briefen keine Hinweise darauf finden. Ein wesentlicher Hinweis zumindest auf die spätere Haltung der Autorin zu
diesen Eingriffen schien uns als Editorinnen darin zu liegen, dass Christine Lavant für eine geplante Veröffentlichung
des Wechselbälgchens Anfang der 70er Jahre im Otto Müller Verlag das Typoskript und nicht die ihr
ebenfalls vorliegenden Druckfahnen einreichte.
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61 Diese Pluralbildung z.B. benutzt im Wechselbälgchen ein
Knecht, der sich nach seinem Aufstieg zum Gemeindeboten als Höhergestellter gebärdet: Die Ironie, die in der
Verwendung dieses vom "Volk" falsch gebildeten Plurals liegt, wurde von Kubczak offenbar nicht verstanden oder
zumindest "rezeptionserleichternd" gestrichen.
62 Vgl. Christine Lavant (wie Anm. 30), S. 92.
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5. Das Warten aufs Bessere als verpasste Chance
Wir wissen nicht, wie viel Christine Lavant von den Schwierigkeiten ihres Verlegers gewusst hat. Wir nehmen an,
dass der Briefwechsel umfangreich und sie über vieles informiert war. So schreibt sie an Paula Purtscher
am 18.3.1948:
Herr K. schreibt sehr treu u. oft, wolle Gott daß er doch nochmals in die Höh kommt. Leicht
hat er es ja nicht aber umso mehr muß man zu ihm halten. Selbst wenn ich den Druck nimmer erleb, tut es mir
nicht leid, an ihn geraten zu sein. Er ist sehr verständig völlig unbestechlich u. ein durch u. durch
nobler u. guter Mensch.
Aus anderen Briefen an Paula Purtscher wird klar, dass sie z.B. über die Verhandlungen Kubczaks mit dem
Cotta-Verlag Bescheid wusste.63 Und, dies belegen die Korrespondenzen zwischen
Paula Grogger und Viktor Kubczak, Christine Lavant scheint Viktor Kubczak ebenfalls oft und ausführlich
geschrieben zu haben - für Paula Grogger und Trude Kubczaks Geschmack zu viel und zu oft:
Ich werde sehr fleissig sein und trachten dir mit den verschiedenen Paradeisern eine Freude zu
machen, damit du nicht die ganze Zeit an die Früchte aus dem Lavanttal denkst und die Trude wird mir schon
berichten wie viel Briefe du bekommst, sie legt eine Statistik an und die Schreibmaschine habe ich schon so
instruiert dass sie ein paar Hopser macht, wenns genug ist. Ach die ärmste Christine, wie mag es ihr bei der
Nachricht ergehn [...].
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63 Vgl. Christine Lavant an Paula Purtscher, 17.12.1946.
64 Paula Grogger an Viktor Kubczak, 29.7.1946, also in dem Brief, der direkt nach der
Abreise der Kubczaks geschrieben worden ist. - Kommentar: "mit den verschiedenen Paradeisern" (Paradeiser =
österr.: Tomate(n)) bezieht sich wahrscheinlich auf das Paradeisspiel ("Paradeis" hier natürlich Paradies),
an dem Paula Grogger zu jener Zeit gerade arbeitete; "die Früchte aus dem Lavanttal" spielen, in Analogie dazu,
wahrscheinlich auf die Werke von Christine Lavant an; "die Schreibmaschine": offenbar hatte Paula Grogger
Christine Lavant eine Schreibmaschine geliehen; es könnte sich in dem Brief Christine Lavants an Paula
Purtscher vom 7.3.1946 um diese handeln ("Also ich schreibe viel habe Gottseidank eine Schreibmaschine
leihweise bekommen was mir viel Freude macht."). Christine Lavant bekam Weihnachten 1946 eine Schreibmaschine
von Paula Purtscher geschenkt, bis dahin scheint sie (diese) geliehene(n) Maschine(n) benutzt zu haben; "wie mag
es ihr bei der Nachricht ergehn": könnte sich darauf beziehen, dass Christine Lavant über ein Detail der Ausreise
Kubczaks erst zu diesem Zeitpunkt informiert wurde (oder über die Ausreise überhaupt?).
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Auf jeden Fall war Christine Lavant entschlossen, ihre Bücher bei Kubczak herauszubringen. Anfang 1947
wies sie einen interessierten Verleger aus Klagenfurt ab,65 und sie reagierte
ablehnend auf einen Lizenzvertrag, den ihr Viktor Kubczak empfahl, weil sie fürchtete, er wolle sie
damit "loswerden."66
Am 31. Juli 1947, nachdem er die Lizenz in Stuttgart bereits hatte, schrieb Kubczak an Paula
Grogger, er würde "von der Christine Lavant [...] die Gedichte, die Erzählung 'Das Kind', ein Märchen für
Kinder 'Der Vogel Nimmerfroh und das gestohlene Kind', und eine etwa 150 Seiten lange
Erzählung 'Das Krüglein' [...]" bringen. Erschienen sind 1948 Das Kind, 1949 Das Krüglein und
der Gedichtband Die unvollendete Liebe. Sicher ist jedoch, dass wesentlich mehr Veröffentlichungen
von Christine Lavant geplant waren: Im Krüglein findet sich eine Werbung des Brentanoverlags
(die in der Sekundärliteratur immer wieder zu falschen bibliographischen Angaben geführt hat):
Andere Bücher von Christine Lavant
Das Kind. Erzählung
Maria Katharina. Erzählung
Das Wechselbälgchen. Erzählung
Die Nacht an den Tag. Gedichte
Das Ringelspiel. Erzählung
Brentanoverlag Stuttgart67
Vier von diesen Büchern sind nie erschienen: Maria Katharina wurde erst 1969 in einen Erzählband mit
aufgenommen,68 Das Wechselbälgchen und Das Ringelspiel galten bis
1997 bzw. 1998 als verschollen (zum Wechselbälgchen siehe oben), der
Gedichtband Die Nacht an den Tag konnte bis heute nicht gefunden werden. Aus der Verlagskorrespondenz
des Otto Müller Verlages wissen wir, dass Die Nacht an den Tag,
Der Vogel Nimmerfroh und das gestohlene Kind (ebenfalls derzeit unbekannt) und Das Wechselbälgchen
bereits gesetzt waren.69 Es scheint, als habe Viktor Kubczak auch in diesen
Fällen seine Strategie verfolgt, bereits setzen zu lassen, ohne dass die konkreten Möglichkeiten zum Druck vorlagen.
Die Formulierung "Andere Bücher" lässt offen, ob es sich um erschienene oder angekündigte han-
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65 Vgl. Christine Lavant an Gertrud Purtscher-Kallab, 30.1.1947.
66 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 15.3.1948. Kubczak zitiert Christine Lavant
mit "loswerden".
67 Die unvollendete Liebe wird seltsamerweise hier nicht erwähnt.
68 Christine Lavant: Nell. Vier Erzählungen. [Hrsg. v. Jeannie Ebner]. Salzburg
1969, S. 60-131. (Neuauflage 2000)
69 Vgl. Brentanoverlag (Viktor Kubczak) an Otto Müller Verlag (Erentraud Müller), 26.
10.1956.
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delt - er rechnete auf baldiges Erscheinen. Und wie den LeserInnen bloße Hoffnung gemacht wurde, so wohl auch
der Autorin selbst.
Viktor Kubczaks Brentanoverlag befand sich (neben all den in Kapitel 3 bereits angesprochenen
Problemen) vor allem in Geldschwierigkeiten. Die deutsche Währungsreform vom 21. Juni 1948 war mit ein
entscheidender Grund dafür, wie ein Brief an Paula Grogger vom gleichen Tag annehmen
lässt.70 Bis dahin zurückgehaltenes Papier war nun zwar auf einmal auf dem Markt,
aber es gab zu wenig und das teuer.71 Trotzdem hatte er im Dezember 1948 noch vor,
im nächsten Jahr über 30 Bücher auf den Markt zu bringen,72 von denen uns
immerhin bisher 24 bekannt sind (leider konnten wir keine Verlagsverzeichnisse finden, aber im Internet
mittels Bibliotheksverbund und Antiquariatskatalogen Veröffentlichungen ausmachen). 1949 verursachte ausgerechnet
Paula Grogger ihm mit der Rücknahme eines bereits gesetzten und beworbenen Buches große
Unkosten.73 Und waren die Bücher von Christine Lavant (und Paula Grogger)
erschienen, so machten Devisenzuteilungen und Importbeschränkungen in Österreich den Vertrieb in dem kalkulierten
wichtigen Absatzgebiet unmöglich.
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70 Die Währungsreform in Österreich fand im November 1947 (auf
der Grundlage des Schilling-Gesetzes vom 30.11.1945) statt. Ein Brief von Christine Lavant an Paula
Purtscher (17.6.1948) zeigt, dass sich dabei der eine oder andere Verlag auf Kosten der AutorInnen
sanierte: "[...] weil es möglich ist, daß eine Forderung an mich gestellt wird, die ich nicht leisten will
und kann. Frau Grogger u. noch eine Dame sind in der selben Lage u. werden sich eben bis aufs Äußerste wehren.
Es handelt sich um einen hiesigen Verlag, der Herrn Kubc. eine größere Summe schuldete. H. K. veranlaßte vor
mehr als einem Jahr, daß dieser Betrag an uns dreien ausbezahlt werden soll. Leider ließ sich der hiesige Verlag
Zeit bis zum letzten Tag vor der Geldentwertung. Fr. Grogger ließ sich das nicht gefallen (den Schaden von 2/3) u.
bohrte nach, drohte mit Gericht, daraufhin, hat der hiesige Verleger erklärt, daß er von uns dreien das Geld wieder
zurück haben will, jetzt nach sechs Monaten?!" Vgl. auch den Brief von Anna Rodler an Viktor Kubczak vom 4.6.1948.
71 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 27.9.1948.
72 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 21.12.1948.
73 "Nicht überlegt habe ich mir, daß ich dem ohnehin finanzschwachen Einmannverlag
große Unkosten verursachte", schreibt sie in ihren Lebenserinnerungen (Paula
Grogger: Späte Matura oder Pegasus im Joch. Graz, Wien, Köln 1975, S. 379). - Aus der Korrespondenz
Viktor Kubczaks mit Paula Grogger aus den 50er Jahren geht hervor, dass sich der Brentanoverlag verschuldete.
Es geht immer öfter um Umschuldungen, ungedeckte Wechsel, Kredite, Rechnungen, nicht ausgezahlte Honorare.
Am 23.7.1957 schließlich rechnet Kubczak Grogger verbittert vor: "Er [der kritische Punkt] besteht darin,
dass mir die Bücher von Paula Grogger bis heute 18.000 DM eingebracht und 164.000 DM gekostet haben,
dass also diese Bücher es sind, die meine 'grossen Schulden und grossen Kredite' verursacht haben [...]."
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Viktor Kubczak muss, so zeigen diverse Briefwechsel über diese Probleme, bereits 1948/49 gewusst haben, dass er
die Bücher der völlig unbekannten österreichischen Autorin Christine Lavant in Österreich nur über Lizenzausgaben
vertreiben konnte. Aus den Lizenzverträgen wurde nichts, da er von einem Monat zum nächsten die Aufhebung
der Importbeschränkungen erhoffte und die Partnersuche nur halbherzig betrieb bzw. zuviel forderte. Mit
Lizenzausgaben in Österreich fürchtete er für einige Jahre auf seinen eigenen Absatzmarkt verzichten zu
müssen.74 Bei Christine Lavant glaubte Kubczak mit einem Lizenzvertrag nicht so
viel Geld zu verlieren wie bei Paula Grogger; als Christine Lavant bekannter war, verhandelte er mit Edith
Kleinmayr über Lizenzausgaben. Er wollte diese jedoch erst zulassen, wenn seine Lavant-Bücher in Österreich
verbreitet wären.75 Doch wie sollte das der Kleinmayrsche Verlag schaffen?
Kubczak ging das Risiko ein, auf politische Veränderungen zu warten - eine Einschätzung, die sich so bald
nicht erfüllen sollte. Er versuchte also nach Österreich zu exportieren; dies ging nur "tröpfchenweise", über
seltene Genehmigungen von Seiten der österreichischen Bürokratie. Man überlegte sogar, die Bücher
gewissermaßen im Rucksack über die Grenze zu tragen.76 Die Korrespondenz
zwischen Viktor Kubczak und Edith Kleinmayr aus dem Jahr 1951 belegt die bürokratischen Schwierigkeiten bis in
Details, und ebenso die Überlegungen, wie man die Schwierigkeiten umgehen könnte. In Österreich gab es durchaus
eine Nachfrage nach Lavant-Büchern, die nicht befriedigt werden konnte. Zur gleichen Zeit brachte der
Brentanoverlag in Deutschland seine Lavant-Bestände nicht an.77
Sicher hat Viktor Kubczak als Person auf Christine Lavants literarischem Weg eine große Rolle
gespielt. Man kann es tragisch nennen, dass sein Idealismus beinahe kontraproduktiv gewesen ist: Die optimale
Lösung vor Augen, ließ er zu entscheidenden Zeitpunkten sinnvolle Möglichkeiten vorüberziehen - sein Optimismus
war unverbesserlich. Vermutlich wollte er genau das wiederhaben, was er in Breslau hatte aufgeben müssen, und
er war nicht flexibel genug, den Umständen entsprechend sein Ziel zu überdenken. Christine Lavant schrieb
(nach Ostern 1948) an Paula Purtscher:
Schrieb ich Euch schon daß H.K. zwei Gedichtbände herausgeben will? Mich wunderts, daß er
immer noch Gefallen daran findet u. nicht mutlos wird. Er hat es in allem sehr schwer scheint aber gottlob
mit einem dickköpfigen Optimismus begabt zu sein.
Zur Zeit ist kein Dokument bekannt, das der Annahme widerspräche, dass Viktor Kubczak auch nach 1949 noch
Bücher von Christine Lavant verle-
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74 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 2.6.1948.
75 Vgl. Viktor Kubczak an Edith Kleinmayr, 6.3.1951.
76 Vgl. Viktor Kubczak an Edith Kleinmayr, 6.3.1951.
77 Vgl. die Korrespondenz Viktor Kubczak - Edith Kleinmayr.
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gen wollte. Zu diesem Zweck hat er die Matern und die Manuskripte behalten. Die meisten gingen erst nach
seinem Tod 1967 durch seine Witwe an die Autorin zurück.78
Anfang der 50er Jahre wurde Christine Lavant in Österreich bekannter, nicht zuletzt durch die
Bemühungen von Edith Kleinmayr, durch Lesungen, Einzelveröffentlichungen von Gedichten, Besprechungen. Als sie
1954 den Georg-Trakl-Preis für Lyrik erhielt,79 kam es zu konkreteren Verhandlungen
zwischen ihr und Otto Müller, dem Salzburger Verleger, gegen den Viktor Kubczak seit den 40er Jahren die stärksten
Abneigungen hatte, da er ihm Paula Grogger "abspenstig" hatte machen wollen,80 und
der sich 1953 offenbar auch für Lavant interessiert hatte.81 Wir wissen nicht,
ob Kubczak die letzte ihrer Veröffentlichungen in seinem Verlag, die Erzählung Die Rosenkugel (von der bis
dahin noch nie die Rede gewesen war), herausbrachte, weil er wusste, dass im gleichen Jahr, 1956, die
Gedichtsammlung Die Bettlerschale bei Otto Müller erscheinen würde.
Christine Lavant gilt in der Literaturgeschichte als Lyrikerin.82
Sie selbst schrieb, nehmen wir die bisher ermittelten Datierungen ihrer Werke als Grundlage, wohl schon seit den
frühen 50er Jahren keine Prosa mehr (das Verhältnis von Lyrik und Prosa in ihrem Werk und dessen Hintergrund
sind an anderer Stelle zu klären). Wir wollten zeigen, dass die Vernachlässigung ihrer Prosa nicht zuletzt auch ein
zu überwindendes Ergebnis der Zeitumstände ist. Wir möchten ihre Prosa hiermit weiterempfehlen.
Stand der Forschungsergebnisse: Dez. 2000.
Wir widmen diesen Aufsatz dem Gründer und scheidenden Leiter des Forschungsinstituts Brenner-Archiv, Walter Methlagl,
in Dankbarkeit, Hochachtung und Freundschaft. Seine Autorität ist der Respekt, den er vor Geist und Mensch hat.
Seine Freude an den Dingen trägt. Travailler pour l'incertain! Hermeneutik! Lechleitner!
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78 Vgl. Das Wechselbälgchen (wie Anm. 59), S. 108ff.
79 Gemeinsam mit Christine Busta, Michael Guttenbrunner und Wilhelm Szabo.
80 Vgl. erstmals belegt, aber offenbar nicht erstmalig, Viktor Kubczak an Paula Grogger,
26.2.1947. Weitere Belege finden sich vielfach in allen Folgejahren der Korrespondenz zwischen Kubczak und Grogger.
81 Vgl. Viktor Kubczak an Paula Grogger, 4.3.1953.
82 Im KLL werden ihre Prosawerke nicht einmal im Verzeichnis der Werke
erwähnt. - Als Einführung in Leben und Werk Christine Lavants sei der Artikel von Wolfgang Wiesmüller
im Kritischen Lexikon zur deutschsprachigen Gegenwartsliteratur empfohlen (neu bearbeitete Fassung 2001).
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