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| Warum und unter welchen Umständen ist eine textkritische Bearbeitung von Briefen sinnvoll? Fragen und Antworten entlang der Arbeiten am Kommentierten Gesamtbriefwechsel Christine Lavants |
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| Ursula A. Schneider, Annette Steinsiek 2005 |
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| Im Druck erschienen in: Was ist Textkritik. Zur Geschichte und Relevanz eines Zentralbegriffs der Editionswissenschaft. Hg. von Gertraud Mitterauer, Ulrich Müller, Margarete Springeth, Verena Vitzthum. Tübingen: Niemeyer 2009 (= Beihefte zu editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft 28, hg. von Rüdiger Nutt-Kofoth, Bodo Plachta, Winfried Woesler). S. 69-85. |
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| Hinweis: Aufgrund von extremen Verzögerungen bei Herausgabe und Drucklegung entschlossen wir uns, diesen Aufsatz hier erstzuveröffentlichen. Die Seitenzahlen und -umbrüche des Druckes stimmen mit den vorliegenden nicht überein. Der vorliegende Text wurde mit dem schließlich gedruckten nicht abgeglichen. Zitate können mit den Seitenzahlen des Aufsatzes in der html- bzw. der pdf-Version und der web-Adresse nachgewiesen werden. Achtung: Die exakte textkritische Wiedergabe der Zitate aus dem KGCL finden sich nur in der pdf-Version! |
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Vorbemerkungen Briefe haben mehr als zwei Seiten auf einem Blatt. Sie sind biographische und kulturelle Dokumente, und manchmal
gehen sie - selbst wenn sie nicht als Kunstgattung auftreten - in der poetischen Absicht und der sprachlichen Formung
so weit, daß sie als literarisches Schaffen gelten können (selbst wenn dies nur für Abschnitte gilt). In
der 'Werkähnlichkeit' findet die editorische Frage nach der textkritischen Bearbeitung von Briefen ein erstes
starkes Argument, denn ein kreativer Prozeß kann nur mit einer textkritischen Ebene anschaulich gemacht werden. 1
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erschließt sich diese Ebene. Damit werden biographische Informationen bereitgestellt. Werden Werk, Briefe und 'Lebensdaten' (Biographie) in einem hermeneutischen Zusammenhang verstanden, so wirkt dies
in der Forschung synergetisch. Textkritik bei Briefen lohnt sich immer dann, wenn es um die langfristige
wissenschaftliche Beschäftigung mit Werk und Leben der schreibenden Person geht. Diese Langfristigkeit bezieht
sich gleichermaßen auf die investierte Forschungszeit wie auf die Brauchbarkeit der Arbeiten für die Zukunft.
Ob die 'Berühmtheit' einer Autorin, eines Autors den Aufwand lohnt, ist nur vordergründig interessant,
entscheidend ist eher - natürlich unter fachlicher Einschätzung des Potentials - die innere Bereitschaft
zur Beschäftigung. 1 Dem Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF danken wir für die umfassende Förderung: Im Oktober 2004 genehmigte er die Finanzierung einer dritten Projektphase (bis 2007). 2
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es die Briefe in privaten Institutionen, die nur bedingt der Forschung offen stehen (z.B. Stiftung
Brückner-Kühner, Wiener Diözesanarchiv, Verlagsarchive). Den weitaus größten Teil machen Briefe in
Privatbesitz aus. Immer wieder gingen potentielle BesitzerInnen oder deren Nachkommen, mit Schriftproben
ausgerüstet, auf die Pirsch in ihrem Revier. Manche umfangreichen und ungeordneten Nachlässe sahen wir
Blatt für Blatt durch. Kurz: Zählen wir die oben erwähnten schlummernden Bestände in Archiven mit, waren
85 % der Briefe von Christine Lavant vor Beginn unserer Arbeit nicht bekannt.2 2 Wir danken an dieser Stelle allen Personen, die den Gesamtbriefwechsel durch ihre Mithilfe erst möglich machen. 3
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Entschiedenheit der Formulierung und Sprache getragen, daß sie diese Aufmerksamkeit verdienen. Die Frage nach der 'Werkähnlichkeit' hat Relevanz auch in bezug auf die rechtliche Situation: Wird Textkritik mit der 'Werkähnlichkeit' begründet, so wird sie zur wissenschaftlichen Expertise dafür, Briefe rechtlich wie Werke zu behandeln. Unsere Beobachtungen und Erfahrungen bei der Arbeit am KGCL möchten wir hier systematisiert anhand von Fragen wiedergeben.3 Wir hoffen, damit anderen HerausgeberInnen von Briefen Anregungen und Entscheidungshilfen anbieten zu können. Die Überlegungen beziehen sich dabei auf das Medium CD-Rom, in dem der KGCL erscheinen wird.4 Im Druck werden zwei Auswahlbände mit verknapptem Apparat erscheinen. Die Briefe von Christine Lavant werden textkritisch wie folgt dargestellt: In den hergestellten Text (blau und Book Antiqua für handschriftliche und kurrent geschriebene Briefe, blau und Arial für handschriftliche Briefe in lateinischer Schrift,5 schwarz und Arial für maschinengeschriebene Briefe) kann auf Wunsch die textkritische Ebene (grau) eingeblendet werden. Der hergestellte Text der CD wird die Druckvorlage für die Auswahlbände bilden. Die Suche nach der bestmöglichen Wiedergabe des Originals im hergestellten Text ging einher mit der Suche nach der möglichst genauen Repräsentation des Originals auf der textkritischen Ebene, die textgenetische Prozesse sowie Emendationen der Herausgeberinnen transparent macht. Die textkritische Ebene unterscheidet zwischen Spät- und Sofortkorrekturen, sie stellt Einfügungen, Umstellungen und Alternativvarianten dar. Die editorischen 3 In
Poststempel: St. Stefan, Lavanttal. Die Briefe Christine Lavants,
(in: "Ich an Dich" Edition, Rezeption und Kommentierung von Briefen. Hg. v. Werner M.
Bauer, Johannes John und Wolfgang Wiesmüller. Innsbruck 2001 (= Innsbrucker Beiträge zur
Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe Bd. 62), S. 247-263) wurden der KGCL vorgestellt
und seine inhaltlichen Aspekte ausgeführt, wobei bereits "Der Vorteil des 'Gesamten'" bzw. einer "gewissen
Menge von Material" argumentativ zugrunde lag. Der vorliegende Aufsatz versteht sich als
Vertiefung des dort lapidaren Satzes "Die Betrachtung der Briefe auch als Werk begründet den
textkritischen Ansatz der Ausgabe." (S. 258) 4
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Richtlinien können hier nicht wiedergegeben werden, aber die im vorliegenden Aufsatz
verwendeten diakritischen Zeichen seien kurz vorgestellt:6 Die ersten beiden Fragen (1. und 2.) betreffen den Werkcharakter der Briefe und ihren Zusammenhang mit dem "Werk". 1. Haben die Briefe Werkcharakter? Schon während der Fahrt zu Euch, ist mir die Verzauberung geschehen u. in der ersten Nacht dann hat
man mir ja das Herz vertauscht. (#Sie# Ihr müßt meine Gedichte viel weniger als Gedichte
denn als
Wirklichkeiten betrachten!) - Ich die ich hier bin, bin ein ein#e# durch Eure
Ausstrahlungen beeinflußtes beeinflußte\s/ hervorgerufenes Neues das immer
um Euch sein wird. Ich kann es ja auch gar nicht mitnehmen
irgendwo hin. Aus Eurem #{{x}}#\E/ure#n#\m/ Strahlungskreis herausgetan würde es vergehen u.
auslöschen. {{.}} Wenn Ihr unter Euch Seid #s#\S/eid wundert
Ihr Euch vielleicht über mein Benehmen das so
wenig von Scheu u. Fremdheit weiß. Wo aber sollte ich Beides hernehmen? Bin ich doch wie ich bin aus
Euch heraus entstanden wie man aus einer Heimat heraus entsteht heraus#-#//entsteht oder
aus dem
Mütterlichen. Das was von Euch gehen wird ist eine Fremde. Diese Fremde
ist i#{{x}}s#\st/ mehr oder weniger
zu bedauern. Sie wird in große Einsamkeiten eingehen. Aber da ist ihr nicht zu helfen. Sie wird
so tun u. sich so gebärden als wüßte sie von Euch u. als bestünde von ihr zu || 6 Die editorischen Richtlinien wurden gemeinsam mit Wolfgang
Wiesmüller erarbeitet, der den KGCL als FWF-Projektleiter in den Jahren 2000 bis 2003 mit fachlichem
und freundlichem Einsatz betreute; mit ihm gemeinsam sollen sie demnächst publiziert werden. Ihm
danken wir auch für die kritische Lektüre des vorliegenden Aufsatzes! 5
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| bis zu Ende durchführte so sehr durchführte, daß sie als letzte Folge sich schweigsam
zu Euch verhielte wie es sich für eine Fremde geziemt. Wenn sie das vollbrächte die etwas
eigentümliche ungewisse Frau Chr. H. - - - -. Dann, dann müßte ich ihr meine Achtung u. meine
Freundschaft zur Gänze zuwenden. […] Betrachten wir diesen Ausschnitt aus dem Brief an Adolf Purtscher, Paula Purtscher und Gertrud Purtscher-Kallab vom 26.1.1946, so ergeben sich folgende Beobachtungen: Die Sprache ist durchaus manieriert und zeigt einen geradezu hypertrophen Gebrauch der Satzzeichen, die Christine Lavant ansonsten eher spärlich verwendet. Es wird außerdem eine fiktionale Kontaktebene aufgebaut: Der Brief duzt (Euch, Ihr), obwohl Christine Lavant die einzelnen Personen siezte (wie die anderen vorliegenden Briefe an diese Personen zeigen). Das "Euch" und "Ihr" ist als Plural auch bei Siez-Verhältnissen in der Umgangssprache möglich, doch im Schriftlichen nicht opportun: Christine Lavant kreiert damit eine Mischung aus familiärem Ton und pluralis majestatis, die an sich literarisch zu nennen ist. In diesem Sinne wird das "Sie" mit "Ihr" überschrieben, aber auch das "seid" mit "Seid". Christine Lavant literarisiert sich selbst, indem sie von sich in der dritten Person redet ("Frau Chr. H." ist Frau Christine Habernig, ihr Ehename - zu dem Zeitpunkt hatte sie ihren Künstlerinnennamen noch nicht angenommen.) Datum und Ort stehen am Briefende - eine Angabe des Ortes ist bei ihren Briefen absolut außergewöhnlich, ebenso diese Plazierung des Datums. Der Brief steht inhaltlich in direkter Verbindung mit dem Gedicht Man hat mir heute Nacht mein Herz vertauscht. ...8(unveröffentlicht), auf das sie im Brief selbst verweist. Dieses ist von ihr datiert mit "23.1.46" und wurde also drei Tage vor dem Brief geschrieben. Der Brief, geschrieben noch im Hause der Purtschers, kreist um diesen Aufenthalt, während dessen auch das genannte Gedicht entstanden ist. In gewisser Hinsicht liegt damit eine Selbsteinschätzung des Briefes als Werk vor: Sie schafft um sich und die Purtschers eine 'literarische Zone', die das Werk und den 8 Die Gedichte werden zitiert mit Incipit (erkennbar an drei Fortsetzungspunkten und der Kursivierung) samt Satzzeichen. Christine Lavant verwendete kaum Titel, und wenn, dann nicht konsequent für alle Abschriften oder Fassungen eines Gedichtes. Die meisten vorhandenen Titel sind auf Redaktionen, Verlage und die Rezeption zurückzuführen. Wir entschieden uns gegen die Praxis, aus ästhetischen Gründen oder aus Gewohnheit Titel zu vergeben. 6
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Brief gleichermaßen generierte - und auch die 'Dichterin' selbst, die sich in diesem Brief den Mythos
ihrer Schöpfung schreibt!9 2. Gibt es einen inhaltlichen und sprachlichen Bezug zwischen Brief und Werk (etwa als Vorstufe, als Kommentar, als Konkretisierung, als Intertextualität)? Das folgende Beispiel - ein Brief an Tuvia Rübner vom 8.9.1956 (es ist der erste von rund 30 Briefen an den israelischen Schriftsteller) - ist von der Sprachebene her ebenfalls unzweifelhaft als werkähnlich einzustufen.
9 Nicht ohne Rückbezug auf Vorbilder, wie an anderer Stelle zu zeigen ist. 7
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| aufgehen auf#gehen#=//gehen muss. Aber nun zu Ihnen: Wo sind Sie
denn daheim gewesen? Ihr Gedicht enthält schöne sanfte Bilder und sein
Rythmus {{Rhythmus}} erinnert - glaube ich - an slowenische oder
kroatische #K#\k/roatische Volkslieder, was ich sehr gern mag. Ist
das "Heilge {{Heilige}} Land" für Sie mit Stärkung
begabt? L e b e n Sie darin oder lebt es in Ihnen ist es
für Sie das Zelt der Vergegenwärtigung oder blos {{bloß}} der Zuflucht? Auch ich
möchte Ihrer gedenken können in der genauen und hilfreichen Richtung. Die Intertextualität zu einem Gedicht der Autorin muß erst ausgemacht werden, doch läßt sich dann eindringlich die enge Verbindung zwischen Brief und Werk, die poetische Zusammengehörigkeit, zeigen. Das folgende Gedicht steht, was Formulierungen, Bilder, Vorstellungen anbelangt, in eindeutiger Beziehung zu dem Brief, es scheint den Brief lyrisch zu transformieren (oder transformiert der Brief das Gedicht?): Ich suche die Wiege der Welt. 8
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Wie vertraut jeder Vogel jetzt schreit, Der Ausdruck "Wiege der Welt" fällt als intertextueller Bezug direkt ins Auge, aber
diese Formulierung wird semantisch oder konnotativ in beiden Texten ausgeweitet: So läßt etwa die im Gedicht
verwendete Kombination der Begriffe "Wiege" / "Weg" / "Sternbild" / "Wiege samt Kind [...] finden" an das
Ereignis und das Land der Geburt Jesu denken, an das "Heilige Land", in dem Tuvia Rübner
lebt. Der Ausdruck "Wiege der Welt" verbände sich dann mit Israel als religiös-kultureller
Ursprungsstätte. Auf das Wort "Wiege" verweisen auch die im Brief erwähnten "sanfte[n] Bilder" und
der "Rythmus" der slowenischen und kroatischen Volkslieder11. 10 In: Christine Lavant, Spindel im Mond. Salzburg: Otto
Müller Verlag, 5. Aufl. 1995, S. 115. Wir danken dem Rechtsinhaber, Herrn Arno
Kleibel, Otto Müller Verlag Salzburg, für die Erlaubnis zum Abdruck und zur Veröffentlichung der Lavant-Texte. 9
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Krone eines alten Birnbaumes". Ein Bezug auf "Sternbild/er" findet sich da wie dort, auch wenn die
Konnotation verschieden, ja entgegengesetzt ist: im Brief sind sie "hilfreich", im Gedicht gibt
es ein "Sternbild, das alles verstellt". Markant ist auch folgender Zusammenhang: Im Brief
wird "eine besondere Art zu gehen" imaginiert, und auch das Gedicht ist ein 'Gangbild' ("Noch
ist da ein Makel im Schritt"). Doch der Zeitraum muß weiter gefaßt werden: Die "Wiege der Welt" ist bereits in einem Brief an Ludwig Ficker erwähnt, der bald nach dem 10.07.1956 geschrieben wurde, weil er auf eine Briefkarte Fickers mit diesem Datum bezug nimmt. In diesem Brief gibt Christine Lavant selbst folgenden Schlüssel zu dem Bild: "Mir wäre freilich lieber die Wiege der Welt und darin das Kind, das lebendige Wort." Anspielungen auf den christlichen Kontext sind offensichtlich: "Denn lebendig ist das Wort Gottes" (Brief an die Hebräer, 4, 12) und "Und das Wort ist Fleisch geworden" (Joh. 1, 14). 10
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Doch widerspricht diese ganz andere Verbindung nicht oben Ausgeführtem - sie ist möglicherweise nur
ein Hinweis auf einen AdressatInnenbezug! Jedenfalls: Das Motiv, mit seinem semantischen und
poetischen Potential, mit seiner hier dargestellten 'Dehnbarkeit', ging ihr nicht aus dem Kopf. 12 Die Prosamanuskripte Christine Lavants sind nur in seltenen Fällen datiert. 11
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Manuskripten und -typoskripten finden sich diese Varianten in auffälliger Weise: Es gibt
Texte, in denen die Schreibung wechselt, beide Schreibungen vermischt werden bzw.
eine Schreibung bevorzugt wird. Eine genauere Analyse im Hinblick auf Datierungsversuche
steht an. Doch etwas scheint man schon sagen zu können: "darinn" mutete Christine Lavant literarischer an. Die folgenden Fragen 3. - 12. beziehen sich auf außerästhetische Kriterien für eine textkritische Darstellung; dabei betrifft die erste Fragengruppe das Material, seine editorische Bearbeitung und die Pragmatik der Veröffentlichung (3. - 6.), die zweite Fragengruppe den Autor / die Autorin und die Gattung (7. - 12.). 3. Welches Textkorpus liegt zur Edition vor? Geht es um ein Briefkonvolut (ohne Gegenbriefe), einen Briefwechsel mit einer Person, eine
umfassendere Auswahl (z.B. Briefe "von - bis"), einen Gesamtbriefwechsel? In welchem zahlenmäßigen,
biographischen, literarischen, inhaltlichen Verhältnis steht das Textkorpus zu einer, wenn auch
hochgerechneten oder nur erwogenen Gesamtheit der Briefe? Kann die AdressatInnenbezogenheit
eingeschätzt werden und was bedeutet sie für den Text? 13 Christine Lavant: Briefe. In: ensemble, Heft 5, 1974, S. 133-157. 12
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| Anfang der Beschäftigung mit den Briefen und der Person, die diese schrieb. Mit Herz auf dem
Sprung14 wurden Briefe von Christine Lavant erstmals in das
wissenschaftliche Interesse gerückt, was Kommentierung und Textdarstellung betraf (in diesem Falle
gab es keine Gegenbriefe). Die Kommentierung hatte schon zur Erhebung und Einbeziehung weiterer Briefe
geführt, und die Edition nahm einen Gesamtbriefwechsel bereits in Aussicht ("Eine umfassende, kommentierte
Briefausgabe, ohne die sich auch eine sinnvolle Biographie schwerer wird schreiben lassen, steht
aus"15). Doch ist erst jüngst wieder eine Einzelveröffentlichung erschienen16 - und zwar in Kenntnis der Tatsache, daß der KGCL vorbereitet wird. Wissenschaftlich gesehen handelt es sich dabei um einen Rückschritt (der auch ökonomisch nicht zu vertreten ist). Es wird zwar betont, daß "kein geringerer als Thomas Bernhard" die Bekanntschaft zwischen Maja und Gerhard Lampersberg und Christine Lavant gestiftet hätte - aber Zeitpunkt und Umstände bleiben unbekannt. Es gibt jedoch einen Brief von Christine Lavant an Erentraud Müller, die Verlegerin und Freundin, der - am nächsten Tag, am 26.7.1957, geschrieben - den Besuch der drei Genannten bei ihr zu Hause schildert. Bei einem Einzelkonvolut wie dem hier edierten kann die AdressatInnenbezogenheit von den LeserInnen bzw. BenutzerInnen nicht eingeschätzt werden. Wenn sich die Personen im Alltag nahestehen, stehen die Briefe im Kontext eines pragmatischen Zusammenhanges, der im Kommentar als Hintergrund jedenfalls mit zu repräsentieren wäre. Doch der Kommentar ist mager, kaum mehr als ein Glossar. Die auffällige Verwendung umgangssprachlicher und mundartlicher Ausdrücke in den Briefen wäre als Hinweis auf betonte Originalität zu erwägen - wenn man nur die Briefe mit denen an andere KorrespondenzpartnerInnen vergleichen könnte. Die isolierte Korrespondenz führt einmal mehr zur Festschreibung bestimmter Vorstellungen von einer Autorin, statt sie in ihrer Vielstimmigkeit vernehmbar werden zu lassen. 14 Christine Lavant: Herz auf dem Sprung. Die Briefe
an Ingeborg Teuffenbach. Im Auftrag des Brenner-Archivs (Innsbruck) hg. u. m. Erläuterungen u. e.
Nachwort versehen von Annette Steinsiek. Salzburg 1997. 13
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Man hat unter Hinweis auf die Faksimiles einmal mehr "stillschweigend korrigiert", unterschiedliche
Schreibungen "vereinheitlicht", die Interpunktion "normalisiert".17 Von
Textkritik fehlt jede Spur - deshalb gehen auch Hinweise darauf verloren, daß zumindest einige
Briefe vorgeschrieben worden sein könnten. 4. Welches Medium wird gewählt? Ob ein größerer Briefbestand oder gar ein Gesamtbriefwechsel textkritisch in Buchform veröffentlicht werden soll, hängt vor allem von der Entscheidung und Kalkulation des Verlages ab. Der Aufwand der Darstellung im Druck ist ungleich höher als im elektronischen Medium. Auch sollte in jedem Fall für die wissenschaftliche Arbeit (und dazu zählt bereits die Arbeit an der Edition!) die Suchbarkeit und Handhabbarkeit gewährleistet sein. Neben der kostengünstigen und praktischen Möglichkeit, eine große Menge an Material zu verwalten und zu veröffentlichen, sprechen die gestalterischen Möglichkeiten (nicht nur ästhetisch, 17 Alle Zitat ebda., S. 162. 14
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sondern auch Einteilungen oder Darstellungen unterstützend) für eine elektronische Veröffentlichung.19 5. Geht es auch um die Sicherung von Quellen? In unserem Falle war ein wichtiges Ziel auch die Sammlung und Erhaltung der Quellen. Die meisten der
Briefe von Christine Lavant wären ohne diese Arbeit unbekannt geblieben - und einige davon wären
wohl inzwischen schon verloren gegangen. Christine Lavants Generation lebt gerade noch oder lebt
schon nicht mehr. Das intensive Recherchieren ist also ein Gebot der Stunde. 6. Liegen bereits editorische Richtlinien für das Werk der Autorin / des Autors vor bzw. können die für die Briefe erarbeiteten Richtlinien umgekehrt für eine Werkedition verwendet werden? Parallel zum Beginn der Briefedition (1997) wurden uns die diakritischen Zeichen bekannt gemacht, die für die damals geplante Kritische Ausgabe der Werke verwendet werden sollten. Der Nachlaß war bereits mit diesen Zeichen transkribiert worden. Man hatte dafür die diakritischen Zeichen der CD-Rom des Nachlasses von 19 Vgl. dazu den Aufsatz von Ulrike Landfester: "Aus einem unendlichen
Vorrath von Briefen...". Zum Nutzen einer elektronischen Edition von Rahel Levin Varnhagens
Werk. In: "Ich an Dich", S. 95-114 (s. Fn. 3), zu den Möglichkeiten der elektronischen
Darstellung v.a. 108-112. U. Landfester plädiert in ihrem Aufsatz ebenfalls für ein "objektivierbares
philologisches Wahrnehmungsraster, das die Lektüre und damit ultimativ auch die Edition von
Briefwechseln aus der Grauzone supplementär zum 'eigentlichen' Werk verlaufender Lektüren herausholen
und den Briefwechsel selbst als Kunstform handhabbar machen könnte" (S. 96), wobei sie auf ein
zitierbares "auktoriales Selbstverständnis" Varnhagens verweisen kann (S. 99). Auch sie beschreibt
die Nachteile, die die "Herauslösung einzelner Korrespondenzen" mit sich bringt (S. 107). Gerade
etwas als "Netz" Gedachtes fordere die elektronische Edition, die neben "sequentiellen" auch
"nichtsequentielle Lektüren zuläßt" (S. 108). 15
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Robert Musil21 übernommen, was nicht überzeugte. Aus pragmatischen (ökonomischen wie rezeptionsorientierten) Gründen jedoch wurden für die Briefedition einige dieser Zeichen verwendet, wobei wir Differenzierungen und Ergänzungen vornahmen. In bezug auf die Neukonzeption der Kritischen Edition der Werke scheint es nun sinnvoll zu überprüfen, inwiefern die editorischen Richtlinien des KGCL verwendet werden können. 7. Kann man von den Lebensumständen der Autorin / des Autors auf den Stellenwert des Briefes als Medium der Mitteilung schließen? Zunächst muß, auch für die folgenden Fragen, geprüft werden, ob ein Materialbestand vorliegt, der eine
Antwort auf diese Frage erlaubt. Wenn Dokumente oder Aussagen darauf hinweisen, daß die Autorin / der
Autor gerne ausführlich telefonierte, so muß ein Teil der Kommunikation verloren gegeben werden. 8. Welchen Stellenwert hat der Brief in der Schreibkultur der Autorin / des Autors? Es kann in diesem Beitrag nicht in der gebührlichen Ausführlichkeit von Christine Lavants Briefpoetik gesprochen werden, die aus einzelnen verstreuten Äußerungen in den Briefen zusammengeführt werden muß und die natürlich im Laufe der Jahre diversen Änderungen unterworfen war. In manchen Briefen tritt das ästhetische Element, in anderen das soziale stärker hervor. 21 Vgl. Robert Musil: Der literarische Nachlaß. Hg. v. Friedbert Aspetsberger, Karl Eibl und Adolf Frisé. Reinbek: Rowohlt 1992. 16
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Es gibt Äußerungen, die darauf hinweisen, daß Briefe und Werke aus einer ähnlichen Energie heraus und mit einem ähnlichen Bedürfnis nach Ausdruck entstanden sind: Den Zustand in welchem Sie (man) solche soclhe schöne und für sich
selbst oft nicht ganz klare Briefe Bri\e/fe schreiben, den kenne ich wohl. So
schreibt unsereins auch die Geschichten und Gedichte, nichtwahr. Aber ich glaube der Zustand ist
ein Kapital das sehr leicht aufgezehrt werden kann. Und wir greifen es immer wieder an auch wo es oft
gar nicht not wär. Ich möchte nicht, dass Sie für mich Ihr Kapital angreifen, verstehen Sie mich? Wenn
Sie mir weiterhin schreiben wollen - ich habe viel davon! - dann genügen die
schlichtesten und ungeschicktesten ungeschicktetsten Worte solche die man
auch hat wenn man den Dämon nicht bemüht. Freilich, meist hat man dann überhaupt nichts, ach ich kenn das. Äußerungen über Briefe können sich dabei, wie hier, an die Klage über eine Schreibhemmung anschließen oder der Entschuldigung für vorhandene oder vermeintliche stilistische Mängel des vorliegenden Briefes dienen. Dies zeigt etwa folgender Briefauszug, der etwas überfrachtet wirkt, weil er die Rhetorik des "ersten Briefes", eines neu begonnenen Kontaktes tragen muß (aber gerade deshalb stilistische Aufmerksamkeit verdient): Bitte sehen Sie es mir nach, wenn der Stil dieses Briefes Sie etwa "geschraubt"
anmutet, - es sind nicht alle Tage, alle Stunden gleich, und was gestern vielleicht noch
locker und natürlich #von# wie wie wie Laub vom
Munde gefallen wäre, das starrt und rauscht heute, trotz aller Mühe wie ein obskurer Büschel
papierner #P#\p/apierner Rosen. Morgen wär's vielleicht wieder eine
Wiesenflocke oder ein Halm blonden Schilfes. Ich weiss nicht, sind Sie Dichterin? - wenn ja, dann
verstünden Sie es sicher, aber auch so halte ich es für nicht ausgeschlossen. Dabei wird "dichten" als 'energieverbrauchender' eingestuft als "Briefe schreiben": "natürlich kann ich auch nichts dichten, denn wenn ich das könnte, könnte ich auch nebenher noch Briefe schreiben noch und noch!" (in einem Brief an Linus Kefer [Frühjahr 1957], in dem sich Christine Lavant entschuldigt, daß sie so selten schreibt). 9. Ist festzustellen, daß das Schreiben von Briefen phasenweise das Schreiben literarischer Werke ersetzt hat? 17
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Briefe waren für Christine Lavant ein eigener und besonderer Weg zum Ausdruck, als solche stehen sie dem Werk zur Seite. Manchmal könnten sie in der Hoffnung entstanden sein, damit in den "Zustand" zu kommen, in dem sie literarische Texte schreiben konnte. In Zeiten gehemmter literarischer Produktion könnten sie dazu gedient haben, etwas 'in Schwung' zu bringen - eine Art zu denken, ein Wortfeld, einen Rhythmus. Dichten ist für sie ein "unnatürliche[r] Zustand" (an Linus Kefer, [nach dem 21.12.1956]), ein Zustand der "Besessenheit", in dem man dem absoluten Bewußtsein nahe ist (an Tuvia Rübner, 25.11.1956). Man kann diesen "Zustand" auch künstlich herbeiführen, etwa durch "Pulver" (= Medikamente) oder durch äußere Veränderungen wie eine Reise. Diese Möglichkeiten verdächtigt Christine Lavant allerdings selbst als Verzweiflungstaten - ein Brief wäre eine legitimere Näherung an das Schreiben gewesen. Bei Christine Lavant hat das Schreiben von Briefen das Schreiben von literarischen Werken etwa in folgendem Sinne ersetzt: wenn sie Briefe schreibt, um in den "Zustand" zu gelangen, dies aber nicht gelingt. Dann sind von diesem Versuch 'nur' die Briefe geblieben. 10. Spielt der Brief im Werk eine Rolle? Es gibt Gedichte und Erzählungen, in denen Christine Lavant das Briefeschreiben thematisiert. Der Brief als poetisches Motiv darf als Signal für ihre besondere Affinität zu dieser Gattung gelten. Das folgende Gedicht kommt dabei zu einer Briefpoetologie: Hundert Briefe in einer Nacht. 18
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von Angst gejagt und verstreut In Christine Lavants Prosa gibt es eine Gattung, in der Elemente von Brief und Erzählung verbunden sind, die 'Briefprosa'. Christine Lavant wendet sich damit an Personen, zu denen sie sich eine engere Bindung wünscht. Diese Gattung entspricht in der Prosa vermutlich am ehesten ihrem Begriff von "Wahrhaftigkeit", weil sie bewußt entlang der persönlichen Erfahrung in Richtung Absicht und Hoffnung gehen, aber sich der Fiktionalität auch als Schutz bedienen kann. Es gibt zwei Texte dieser Art, einer davon veröffentlicht als Die Schöne im Mohnkleid.22 22 Christine Lavant: Die Schöne im Mohnkleid. Im Auftrag des Brenner-Archivs (Innsbruck) hg. u. m. e. Nachwort versehen von Annette Steinsiek. Otto Müller Verlag, 2. Aufl. Salzburg 2004. 19
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11. Lassen sich Hinweise ausmachen, ob und wenn ja, ab wann die Briefschreiberin / der Briefschreiber gewußt haben könnte, daß von ihr / ihm einmal eine Briefedition veranstaltet wird? Christine Lavant kannte die Briefe Rilkes, wie ein Brief aus dem Jahr 1949 belegt. 1957 bittet sie den Otto Müller Verlag, ihr einen Band Werke und Briefe von Else Lasker-Schüler zu schicken. Sie wußte also, daß von Dichterinnen und Dichtern auch Briefe von öffentlichem Interesse sein können. Sie selbst äußert sich dazu nicht, weder im Sinne einer Möglichkeit, noch eines Wunsches, noch einer Befürchtung. An sie adressierte Briefe hat sie jedenfalls nicht aufbewahrt. Sie schreibt an Hilde Domin [1965], daß sie "alle Briefe früher oder später verbrenne um keinen indiskreten Nachlaß zu hinterlassen". Um eines offenen und wahrhaftigen Kontaktes willen sicherte sie ihren BriefpartnerInnen zu, deren Briefe zu vernichten - wieweit sie dabei davon ausging, daß man mit ihren Briefen gleich verfuhr, ist damit nicht beantwortet. Postkarten hat sie wohl wegen der Bildmotive aufgehoben. Manchmal haben andere Personen, die während längerer Krankheitsphasen Sekretariatsarbeiten für sie erledigten, Briefe an sie aufbewahrt. Durchschläge von Briefen gibt es in ihrem Nachlaß nur bei Verlags- oder bei sonstiger offizieller Korrespondenz. Einen Hinweis auf einen Durchschlag in der Privatkorrespondenz gibt nur das oben zitierte Gedicht - aber ist dem zu trauen? 12. Liegen Briefentwürfe vor und wie verhalten diese sich zu abgesendeten Fassungen? Signale für das Vorschreiben von Briefen - spiegle sich darin nun die Suche nach der optimalen (vielleicht auch literarischen) Formulierung oder nur besondere Sorgfalt, Rücksicht oder Vorsicht - werden auf der textkritischen Ebene erkennbar. Es gibt Fehler, die auf das Abschreiben einer Vorlage zurückzuführen sind. So wurden z.B. in einem Brief an Otto Scrinzi vom 23.6.[1969] mehrfach Worte doppelt geschrieben und dann gestrichen: Eine fragende Bitte: würden Sie mir die Möglichkeit geben, eine finden, || 20
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Ohne innerste Notwendigkeit werde ich es nie tun. Ich bin in #an#\in/ Einsamkeit und Verlassenheit geübt. Aber manchmal übersteigt es die ertragbare Stufe. Hier mögen mich Alle gern. Mein Zimmer ist eine Frei- und Zufluchtstätte. Bei Lintschnig wird das totale Alleinsein einsetzen; allerdings gemildert durch den gewohnten Ort die mir zu Herzen gehende Landschaft. Ich werde wieder Abendspaziergänge gehen wieder Mond u. Sterne sehen wieder die Neandertaler-Laute hören. O wohl, es wird viel gut #{{w}}# werden. Aber zum täglichen Brot (auf der Gefühlsbasis) gehört eben auch ein Ohr das in der das in #das in# \der/ alleräußersten alleräußester Not sich einem zuwendet. zuwenden#d#\t/et. Offenbar war der Abschreibvorgang mit Fortschreiten des Schreibens nicht mehr so sehr auf den Inhalt
konzentriert, als vielmehr auf die Form. Dieser Brief, geschrieben im Pflegeheim Wolfsberg, ist von
der Bemühung getragen, leserlich und schön geschrieben zu sein, auch wenn man ihm letztlich die
körperliche Mühe des Schreibens ansieht. Von meinem ganzem Herzen Herzen. (es ist
so sg gut als möglich tatsächlich wieder ganz) wünsche ich Euch Allen Freude [...] In anderen Briefen finden sich Fehler, die nur als Abschreibefehler gedeutet werden können. So schreibt Christine Lavant am 18.2.1957 an Erentraud Müller: "Heute ist der 14. Todestag meiner Mutter." Anna Thonhauser starb am 18.2.1938, es war also der 19. Todestag. In Christine Lavants Handschrift sehen sich die Ziffern "9" und "4" ähnlich (sie schrieb auch die "4" in einer Linie, ohne abzusetzen) - und zwar so ähnlich, daß sie selbst sich im Schwunge des Abschreibens verlesen hat. Es gibt lediglich acht Textzeugen, die als Briefentwürfe eingestuft werden können. Zwei abgebrochene Briefentwürfe (in einem Heft mit Gedichtentwürfen) weisen Kurzschrift auf - ein eindeutiges Zeichen für das Vorschreiben, denn in keinem abgesandten Brief wurde Kurzschrift verwendet. Nun konnte Christine Lavant diese Entwürfe nicht vernichten, denn auf der Rückseite befand sich die Endfassung eines Gedichtes. 21
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Die uns aus dem Nachlaß Ludwig v. Fickers wohlbekannten vielfach überarbeiteten, ausgeklügelten Briefentwürfe
gibt es bei Christine Lavant nicht. Es gibt keinen einzigen Briefentwurf, der mit einem uns bekannten
abgesandten Brief in Zusammenhang steht! Aber es gibt einen Briefentwurf, der mit einem von drei
nicht abgesandten, jedoch vollständigen (also Anrede, Text, Schlußformel, Unterschrift aufweisenden)
Briefentwürfen (Briefen?) zusammenhängt. In diesem Briefentwurf steht der verräterische
Satz: "Obwohl ich mit meinem Brief v. gestern gar nicht zufrieden bin möchte ich ihn doch nicht
wie #v# so viele andere - verbrennen. Ich halte sie für gütig und klug genug mir auch
Fehlreaktionen zu verzeihen." (an Otto Scrinzi, o.D.) Offenbar war die Furcht, den Freund zu
verlieren, letztlich doch größer als das Bedürfnis, das Aufgeschriebene mitzuteilen, denn Christine
Lavant hat den von ihr erwähnten Brief nie abgeschickt.
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