Warum und unter welchen Umständen ist eine textkritische Bearbeitung von Briefen sinnvoll?

Fragen und Antworten entlang der Arbeiten am Kommentierten Gesamtbriefwechsel Christine Lavants
Ursula A. Schneider, Annette Steinsiek

2005
Im Druck erschienen in:
Was ist Textkritik. Zur Geschichte und Relevanz eines Zentralbegriffs der Editionswissenschaft. Hg. von Gertraud Mitterauer, Ulrich Müller, Margarete Springeth, Verena Vitzthum. Tübingen: Niemeyer 2009 (= Beihefte zu editio. Internationales Jahrbuch für Editionswissenschaft 28, hg. von Rüdiger Nutt-Kofoth, Bodo Plachta, Winfried Woesler). S. 69-85.
Hinweis:

Aufgrund von extremen Verzögerungen bei Herausgabe und Drucklegung entschlossen wir uns, diesen Aufsatz hier erstzuveröffentlichen.
Die Seitenzahlen und -umbrüche des Druckes stimmen mit den vorliegenden nicht überein. Der vorliegende Text wurde mit dem schließlich gedruckten nicht abgeglichen.
Zitate können mit den Seitenzahlen des Aufsatzes in der html- bzw. der pdf-Version und der web-Adresse nachgewiesen werden.
Achtung: Die exakte textkritische Wiedergabe der Zitate aus dem KGCL finden sich nur in der pdf-Version!
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Vorbemerkungen

Briefe haben mehr als zwei Seiten auf einem Blatt. Sie sind biographische und kulturelle Dokumente, und manchmal gehen sie - selbst wenn sie nicht als Kunstgattung auftreten - in der poetischen Absicht und der sprachlichen Formung so weit, daß sie als literarisches Schaffen gelten können (selbst wenn dies nur für Abschnitte gilt). In der 'Werkähnlichkeit' findet die editorische Frage nach der textkritischen Bearbeitung von Briefen ein erstes starkes Argument, denn ein kreativer Prozeß kann nur mit einer textkritischen Ebene anschaulich gemacht werden.
   Briefe sind im Hinblick auf die Textkritik zumeist wenig spektakulär, da sie für die EmpfängerInnen ohne Mühe lesbar und ästhetisch ansprechend sein sollten - es gibt also keine komplexen Streichungs- und Überschreibungsvorgänge. Eine Frage ist aber: Brachte die Autorin, der Autor, wenn auch mit einigen Verschreibungen, den Brief direkt auf das Papier - oder hat es Streichungs- und Überschreibungsvorgänge, hat es Entwürfe zu den Briefen gegeben, und sollten diese in eine Edition aufgenommen werden?
   Doch auch die abgesandten Briefe offenbaren mehr, als man auf Anhieb meinen würde. So lassen sich nicht nur vom Schriftbild, sondern vom 'Verschreibungsfaktor' und 'Korrekturfaktor' her Rückschlüsse auf den inneren Zustand und die äußere Situation der schreibenden Person ziehen, ebenso auf ihre Einschätzung der EmpfängerInnen. Die Intensität des Korrekturvorgangs - penibel oder gar nicht ausgeführt - gibt Hinweise auf die Art des Kontaktes. Man sieht in der textkritischen Darstellung ja nicht nur, was korrigiert, sondern genauso, was belassen wurde. Vor allem im Vergleich von Briefen an verschiedene KorrespondenzpartnerInnen

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erschließt sich diese Ebene. Damit werden biographische Informationen bereitgestellt.

Werden Werk, Briefe und 'Lebensdaten' (Biographie) in einem hermeneutischen Zusammenhang verstanden, so wirkt dies in der Forschung synergetisch. Textkritik bei Briefen lohnt sich immer dann, wenn es um die langfristige wissenschaftliche Beschäftigung mit Werk und Leben der schreibenden Person geht. Diese Langfristigkeit bezieht sich gleichermaßen auf die investierte Forschungszeit wie auf die Brauchbarkeit der Arbeiten für die Zukunft. Ob die 'Berühmtheit' einer Autorin, eines Autors den Aufwand lohnt, ist nur vordergründig interessant, entscheidend ist eher - natürlich unter fachlicher Einschätzung des Potentials - die innere Bereitschaft zur Beschäftigung.
   Für uns war es durchaus ein Wagnis, uns auf den Kommentierten Gesamtbriefwechsel Christine Lavants (KGCL) einzulassen, hieß das doch, sich bei nicht fester Anstellung der Dynamik eines Projektes mit zu Beginn unabsehbarer und im Verlauf veränderlicher Materialbasis zu stellen (vgl. 3.), und auf unabsehbare Zeit mit der Autorin verbunden zu sein. Daß der Brief eine für Christine Lavant bedeutsame Gattung darstellt, war unsere Ausgangsthese; wir sahen, mit welcher Intensität und sprachlichen Ambition sie ihre Briefe formulierte. Die Kenntnis ihrer Lebensumstände (vgl. 7.) sowie die Wahrnehmung, dass die Autorin in Briefen häufig ihre Schreibhemmung thematisiert, unterstützten die Vermutung, daß der Brief bei ihr in besonderer Weise literarisch angelegt sein könnte (vgl. 8., 9., 11.) - die Suche wurde aufgenommen.1
   Zu Beginn der Arbeiten 1997 lagen nur wenige Briefkonvolute veröffentlicht vor (Gerhard Deesen, Hilde Domin, Ludwig Ficker [Auswahl], Ingeborg Teuffenbach). Nicht immer konnten wir bei der Suche auf ein zuverlässiges Verzeichnis zurückgreifen wie auf das von Ingrid Kussmaul für das Deutsche Literaturarchiv in Marbach erstellte. Die in Nachlässen enthaltenen Lavant-Briefe sind nicht in allen Archiven verzeichnet, geschweige denn die Verzeichnisse ins Netz gestellt gewesen, so dass die Nachlässe der bekannten oder im Laufe der Forschung wahrscheinlich oder auch nur möglich gewordenen KorrespondenzpartnerInnen genauer zu untersuchen waren. In anderen Fällen waren Briefe zwar verzeichnet, sie lagen aber in ungeordneten Nachlässen und mußten erst ausgehoben werden. Außerdem gab

   1 Dem Österreichischen Wissenschaftsfonds FWF danken wir für die umfassende Förderung: Im Oktober 2004 genehmigte er die Finanzierung einer dritten Projektphase (bis 2007).

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es die Briefe in privaten Institutionen, die nur bedingt der Forschung offen stehen (z.B. Stiftung Brückner-Kühner, Wiener Diözesanarchiv, Verlagsarchive). Den weitaus größten Teil machen Briefe in Privatbesitz aus. Immer wieder gingen potentielle BesitzerInnen oder deren Nachkommen, mit Schriftproben ausgerüstet, auf die Pirsch in ihrem Revier. Manche umfangreichen und ungeordneten Nachlässe sahen wir Blatt für Blatt durch. Kurz: Zählen wir die oben erwähnten schlummernden Bestände in Archiven mit, waren 85 % der Briefe von Christine Lavant vor Beginn unserer Arbeit nicht bekannt.2
   Die Ausforschung und Zusammenführung der Briefe in einer Datenbank (v.a. Transkription, archivalische Beschreibung, Datierung) verschlang Zeit und Energie, an eine sinnvolle Kommentierung war erst nach einer überblicksartigen Ordnung des Materials zu denken. Umso beeindruckender war es dann auch für uns selbst, als nach fünf Jahren der ökonomische Wendepunkt zu spüren war: Die Briefe erhellten sich gegenseitig, fehlende Datierungen waren leichter zu ermitteln, der Aufwand des Kommentierens sank. Ein Portrait Christine Lavants trat immer deutlicher hervor, und Kontaktkreise, literar- und kulturhistorische Hintergründe wurden klarer. Die Mitteilung dieser Erfahrung von Ökonomie darf als wissenschaftspolitisches Statement aufgefaßt werden.
   Derselbe 'panoramische Prozeß' galt auch für die Brief-Texte, die wir, unabhängig von ihrer Mitteilung, zunehmend auch in ihrer Erscheinung mit ihren vielfältigen Elementen lesen lernten. Manche Verschreibungen ließen erkennen, daß der Brief vorgeschrieben worden war; bestimmte Korrekturen verrieten literarische Ambition. Schon oben erwähnten wir den Zusammenhang der Korrekturen mit einem inneren Zustand oder dem AdressatInnenbezug. Weitere Hinweise dazu finden sich in den folgenden Ausführungen.
   Der Erkenntnisgewinn scheint uns den Aufwand für die textkritische Ebene (Ausarbeitung der Editionsrichtlinien, entsprechend aufwendige Darstellung aller Briefe von Christine Lavant sowie ein höherer Aufwand beim Kollationieren) zu rechtfertigen. Natürlich würde nicht jedes Schreiben eine textkritische Behandlung verdienen. Der KGCL, der sich aus dokumentarischem und biographischem Interesse um jeden Brief bemüht, mag deshalb manchmal überzogen wirken. Doch sind gerade bei Christine Lavant die 'offiziellen' Briefe auch von einer

   2 Wir danken an dieser Stelle allen Personen, die den Gesamtbriefwechsel durch ihre Mithilfe erst möglich machen.

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Entschiedenheit der Formulierung und Sprache getragen, daß sie diese Aufmerksamkeit verdienen.

Die Frage nach der 'Werkähnlichkeit' hat Relevanz auch in bezug auf die rechtliche Situation: Wird Textkritik mit der 'Werkähnlichkeit' begründet, so wird sie zur wissenschaftlichen Expertise dafür, Briefe rechtlich wie Werke zu behandeln.

Unsere Beobachtungen und Erfahrungen bei der Arbeit am KGCL möchten wir hier systematisiert anhand von Fragen wiedergeben.3 Wir hoffen, damit anderen HerausgeberInnen von Briefen Anregungen und Entscheidungshilfen anbieten zu können. Die Überlegungen beziehen sich dabei auf das Medium CD-Rom, in dem der KGCL erscheinen wird.4 Im Druck werden zwei Auswahlbände mit verknapptem Apparat erscheinen.

Die Briefe von Christine Lavant werden textkritisch wie folgt dargestellt: In den hergestellten Text (blau und Book Antiqua für handschriftliche und kurrent geschriebene Briefe, blau und Arial für handschriftliche Briefe in lateinischer Schrift,5 schwarz und Arial für maschinengeschriebene Briefe) kann auf Wunsch die textkritische Ebene (grau) eingeblendet werden. Der hergestellte Text der CD wird die Druckvorlage für die Auswahlbände bilden. Die Suche nach der bestmöglichen Wiedergabe des Originals im hergestellten Text ging einher mit der Suche nach der möglichst genauen Repräsentation des Originals auf der textkritischen Ebene, die textgenetische Prozesse sowie Emendationen der Herausgeberinnen transparent macht. Die textkritische Ebene unterscheidet zwischen Spät- und Sofortkorrekturen, sie stellt Einfügungen, Umstellungen und Alternativvarianten dar. Die editorischen

   3 In Poststempel: St. Stefan, Lavanttal. Die Briefe Christine Lavants, (in: "Ich an Dich" Edition, Rezeption und Kommentierung von Briefen. Hg. v. Werner M. Bauer, Johannes John und Wolfgang Wiesmüller. Innsbruck 2001 (= Innsbrucker Beiträge zur Kulturwissenschaft. Germanistische Reihe Bd. 62), S. 247-263) wurden der KGCL vorgestellt und seine inhaltlichen Aspekte ausgeführt, wobei bereits "Der Vorteil des 'Gesamten'" bzw. einer "gewissen Menge von Material" argumentativ zugrunde lag. Der vorliegende Aufsatz versteht sich als Vertiefung des dort lapidaren Satzes "Die Betrachtung der Briefe auch als Werk begründet den textkritischen Ansatz der Ausgabe." (S. 258)
   4 Alle Briefe von Christine Lavant werden abgebildet; Ziel ist ein 'virtuelles Archiv'. - Informationen zum Umfang, zu den KorrespondenzpartnerInnen, zur Kommentierung, zum verwendeten EDV-Programm (Folio Views) und den Möglichkeiten der Benutzung siehe Der KGCL in Stichworten. In: Homepage: www.brenner-archiv.uibk.ac.at (unter "Projekte").
   5 Auf die farbliche Wiedergabe muß hier verzichtet werden.

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Richtlinien können hier nicht wiedergegeben werden, aber die im vorliegenden Aufsatz verwendeten diakritischen Zeichen seien kurz vorgestellt:6
#...# Tilgung (#...#handschr. handschr. Tilgung)
\.../ Einfügung (\.../handschr. handschr. Einfügung)
{{…}} HerausgeberInnenklammer
// Abbruch wegen Blattrand
{{x}} unleserliches Zeichen
|| Seitenumbruch
Eine Sofortkorrektur wird als Tilgung ohne Einfügung dargestellt.

Die ersten beiden Fragen (1. und 2.) betreffen den Werkcharakter der Briefe und ihren Zusammenhang mit dem "Werk".

1. Haben die Briefe Werkcharakter?

Schon während der Fahrt zu Euch, ist mir die Verzauberung geschehen u. in der ersten Nacht dann hat man mir ja das Herz vertauscht. (#Sie# Ihr müßt meine Gedichte viel weniger als Gedichte denn als Wirklichkeiten betrachten!) - Ich die ich hier bin, bin ein ein#e# durch Eure Ausstrahlungen beeinflußtes beeinflußte\s/ hervorgerufenes Neues das immer um Euch sein wird. Ich kann es ja auch gar nicht mitnehmen irgendwo hin. Aus Eurem #{{x}}#\E/ure#n#\m/ Strahlungskreis herausgetan würde es vergehen u. auslöschen. {{.}} Wenn Ihr unter Euch Seid #s#\S/eid wundert Ihr Euch vielleicht über mein Benehmen das so wenig von Scheu u. Fremdheit weiß. Wo aber sollte ich Beides hernehmen? Bin ich doch wie ich bin aus Euch heraus entstanden wie man aus einer Heimat heraus entsteht heraus#-#//entsteht oder aus dem Mütterlichen. Das was von Euch gehen wird ist eine Fremde. Diese Fremde ist i#{{x}}s#\st/ mehr oder weniger zu bedauern. Sie wird in große Einsamkeiten eingehen. Aber da ist ihr nicht zu helfen. Sie wird so tun u. sich so gebärden als wüßte sie von Euch u. als bestünde von ihr zu ||
Euch ein Weg der nur begangen werden brauchte. Ja so wird sie vielleicht handeln. Oder: ? - ? - Wird sie Einsicht haben diese Fremde? - Und den starken Willen zur Wahrhaftigkeit. Und - - - Einen Stolz nichts anderes sein zu wollen als sie ist -: Eine Fremde! - Wenn sie das hätte u. es

   6 Die editorischen Richtlinien wurden gemeinsam mit Wolfgang Wiesmüller erarbeitet, der den KGCL als FWF-Projektleiter in den Jahren 2000 bis 2003 mit fachlichem und freundlichem Einsatz betreute; mit ihm gemeinsam sollen sie demnächst publiziert werden. Ihm danken wir auch für die kritische Lektüre des vorliegenden Aufsatzes!
   7 Briefentwürfe bzw. das Vorschreiben von Briefen können sowohl dem ästhetischen wie dem außerästhetischen Fragenkomplex zugeordnet werden. Bei Christine Lavant haben wir keine Hinweise auf einen diesbezüglichen ästhetischen Zusammenhang und behandeln das Thema deshalb an anderer Stelle (12.).

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bis zu Ende durchführte so sehr durchführte, daß sie als letzte Folge sich schweigsam zu Euch verhielte wie es sich für eine Fremde geziemt. Wenn sie das vollbrächte die etwas eigentümliche ungewisse Frau Chr. H. - - - -. Dann, dann müßte ich ihr meine Achtung u. meine Freundschaft zur Gänze zuwenden. […]

am 26.I.46. in. Klgf.

   Betrachten wir diesen Ausschnitt aus dem Brief an Adolf Purtscher, Paula Purtscher und Gertrud Purtscher-Kallab vom 26.1.1946, so ergeben sich folgende Beobachtungen: Die Sprache ist durchaus manieriert und zeigt einen geradezu hypertrophen Gebrauch der Satzzeichen, die Christine Lavant ansonsten eher spärlich verwendet. Es wird außerdem eine fiktionale Kontaktebene aufgebaut: Der Brief duzt (Euch, Ihr), obwohl Christine Lavant die einzelnen Personen siezte (wie die anderen vorliegenden Briefe an diese Personen zeigen). Das "Euch" und "Ihr" ist als Plural auch bei Siez-Verhältnissen in der Umgangssprache möglich, doch im Schriftlichen nicht opportun: Christine Lavant kreiert damit eine Mischung aus familiärem Ton und pluralis majestatis, die an sich literarisch zu nennen ist. In diesem Sinne wird das "Sie" mit "Ihr" überschrieben, aber auch das "seid" mit "Seid". Christine Lavant literarisiert sich selbst, indem sie von sich in der dritten Person redet ("Frau Chr. H." ist Frau Christine Habernig, ihr Ehename - zu dem Zeitpunkt hatte sie ihren Künstlerinnennamen noch nicht angenommen.) Datum und Ort stehen am Briefende - eine Angabe des Ortes ist bei ihren Briefen absolut außergewöhnlich, ebenso diese Plazierung des Datums.

Der Brief steht inhaltlich in direkter Verbindung mit dem Gedicht Man hat mir heute Nacht mein Herz vertauscht. ...8(unveröffentlicht), auf das sie im Brief selbst verweist. Dieses ist von ihr datiert mit "23.1.46" und wurde also drei Tage vor dem Brief geschrieben. Der Brief, geschrieben noch im Hause der Purtschers, kreist um diesen Aufenthalt, während dessen auch das genannte Gedicht entstanden ist. In gewisser Hinsicht liegt damit eine Selbsteinschätzung des Briefes als Werk vor: Sie schafft um sich und die Purtschers eine 'literarische Zone', die das Werk und den

   8 Die Gedichte werden zitiert mit Incipit (erkennbar an drei Fortsetzungspunkten und der Kursivierung) samt Satzzeichen. Christine Lavant verwendete kaum Titel, und wenn, dann nicht konsequent für alle Abschriften oder Fassungen eines Gedichtes. Die meisten vorhandenen Titel sind auf Redaktionen, Verlage und die Rezeption zurückzuführen. Wir entschieden uns gegen die Praxis, aus ästhetischen Gründen oder aus Gewohnheit Titel zu vergeben.

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Brief gleichermaßen generierte - und auch die 'Dichterin' selbst, die sich in diesem Brief den Mythos ihrer Schöpfung schreibt!9
   Im Nachlaß Christine Lavants gibt es zwei unveröffentlichte und undatierte Erzählungen mit dem Motiv der 'Herzvertauschung'. Es ist nicht unwahrscheinlich, daß sie im ähnlichen Zeitraum entstanden (doch noch genauer zu prüfen) - vgl. dazu auch 2.
Für die Charakterisierung des Sprachstils, nicht untypisch auch in anderen Korrespondenzen dieser Jahre, bietet ein Drittbrief einen treffenden, wenngleich etwas mißgünstigen Kommentar: Gertrud Kubczak, die Frau von Christine Lavants erstem Verleger, schreibt am 12.3.1947 an die Schriftstellerin Paula Grogger (in ihrem Haus haben sich Viktor Kubczak und Christine Lavant kennengelernt): "Ich kann zwar nicht solche Gedichte von Briefen schreiben wie meine Nebenbuhlerin Christine, aber ich will nur ein wenig mit Dir plaudern." Leider sind die sicher auch im Hinblick auf die Karriere Christine Lavants aufschlußreichen Briefe an den Verleger nicht erhalten.

2. Gibt es einen inhaltlichen und sprachlichen Bezug zwischen Brief und Werk (etwa als Vorstufe, als Kommentar, als Konkretisierung, als Intertextualität)?

   Das folgende Beispiel - ein Brief an Tuvia Rübner vom 8.9.1956 (es ist der erste von rund 30 Briefen an den israelischen Schriftsteller) - ist von der Sprachebene her ebenfalls unzweifelhaft als werkähnlich einzustufen.

St. Stefan am 8.9.56.

   Tobias Rübner!
Seien Sie nicht entsetzt über diese Ausruf-Anrede, mir geht manchmal das sinnlos-Ubliche gar nicht vom Herzen. Sie haben mir einen so guten Brief geschrieben der mir sicher noch oft ein wenig helfen wird, wenn ich sehr traurig bin. Nicht das, dass Sie meine Gedichte loben tut mir am meisten wohl sondern vielmehr noch Ihr Mit-Leid. Ja ich kann schon seit Jahren nur mehr mit Schlafpulvern schlafen und das Schlimmste dabei ist, dass ich das Einnehmen solcher Mittel für eine Sünde wider den Geist halte weil dadurch die Qualität des Bewusstseins mehr und mehr herabgemindert wird. Aber vielleicht zählt "Gott" eben schon die Seelen jener die meiner mitleidend gedenken und bringt die nötige Zahl zusammen und errettet mich um ihretwillen. ihretwillen//{{.}} Auch Gnade ist wahrscheinlich eine Rechnung die ganz genau


   9 Nicht ohne Rückbezug auf Vorbilder, wie an anderer Stelle zu zeigen ist.

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aufgehen auf#gehen#=//gehen muss. Aber nun zu Ihnen: Wo sind Sie denn daheim gewesen? Ihr Gedicht enthält schöne sanfte Bilder und sein Rythmus {{Rhythmus}} erinnert - glaube ich - an slowenische oder kroatische #K#\k/roatische Volkslieder, was ich sehr gern mag. Ist das "Heilge {{Heilige}} Land" für Sie mit Stärkung begabt?  L e b e  n  Sie darin oder lebt es in Ihnen ist es für Sie das Zelt der Vergegenwärtigung oder blos {{bloß}} der Zuflucht? Auch ich möchte Ihrer gedenken können in der genauen und hilfreichen Richtung.
   Die ganze "Bettlerschale" kann ich Ihnen vorläufig nicht schicken (ich hatte nur fünf Freiexemplare bekommen) aber einen Auszug derselben. Bitte Seien Sie deswegen nicht traurig oder gekränkt, vielleicht schicke ich es Ihnen später einmal.
   Ich lebe in einer winzigen Dachstube mitten im Industriegebiet aber mein Fenster ist so klein und so hoch angebracht dass man nur nu//{{r}} ein Stück Himmel und die Krone eines alten Birnbaumes sehen kann. Es ist wie eine Mönchszelle Möchnszelle. Vom Nachbar-dach her schreit jetzt immer eine Türken-Taube Türken-#{{x}}#\T/aube: Bin duurstig duu#u#rstig! Bin duurstig! Wenn man das hört sinkt man zurück in die Wiege der Welt. Manchmal erreicht man das auch durch eine besondere Art zu gehen, nachts, unter den hilfreichen Sternbildern, denn sie  s i n d  hilfreich alle und die Erde #Erde#handschr. //Erde ist es auch und der Mond und die Sonne, alles gibt ab und nährt #nährt#handschr. // nährt den der durstig oder hungrig ist aber das Brot, \,/handschr. dessen wir am meisten bedürfen, \,/handschr. können wir freilich nur von einander erhalten. Und Ihr Brief war für mich Brot. Ich danke Ihnen dafür!
   Seien Sie vom Herzen gegrüsst, Tobias Rübner -
   von
   Christine Lavant.

Die Intertextualität zu einem Gedicht der Autorin muß erst ausgemacht werden, doch läßt sich dann eindringlich die enge Verbindung zwischen Brief und Werk, die poetische Zusammengehörigkeit, zeigen. Das folgende Gedicht steht, was Formulierungen, Bilder, Vorstellungen anbelangt, in eindeutiger Beziehung zu dem Brief, es scheint den Brief lyrisch zu transformieren (oder transformiert der Brief das Gedicht?):

Ich suche die Wiege der Welt.
Ein Knochen im Rückenmark weiß
den Weg und das Lied und den Preis
und das Sternbild, das alles verstellt.

Noch ist da ein Makel im Schritt.
Es richtet sich alles erst ein,
auch der Atem muß gründlicher sein,
dann bringt er die Muttermilch mit.

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Wie vertraut jeder Vogel jetzt schreit,
denn mein Herz horcht im Eigelb der Brut
und gleichzeitig drängt sich mein Blut
durch das Kernhaus im Apfel der Zeit.

Nur die Stirne bleibt einsam und hier,
sie zerbröselt ihr Denken im Wind
und hofft so, die Wiege samt Kind
auf dem Rückweg zu finden bei dir.
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   Der Ausdruck "Wiege der Welt" fällt als intertextueller Bezug direkt ins Auge, aber diese Formulierung wird semantisch oder konnotativ in beiden Texten ausgeweitet: So läßt etwa die im Gedicht verwendete Kombination der Begriffe "Wiege" / "Weg" / "Sternbild" / "Wiege samt Kind [...] finden" an das Ereignis und das Land der Geburt Jesu denken, an das "Heilige Land", in dem Tuvia Rübner lebt. Der Ausdruck "Wiege der Welt" verbände sich dann mit Israel als religiös-kultureller Ursprungsstätte. Auf das Wort "Wiege" verweisen auch die im Brief erwähnten "sanfte[n] Bilder" und der "Rythmus" der slowenischen und kroatischen Volkslieder11.
   Im Brief fragt Christine Lavant Tuvia Rübner, ob er im "Heiligen Land" wirklich lebt, es als Heimat erlebt. Beide Texte sind von der Idee geprägt, daß sich etwas wie Heimat als Erfahrung manifestiert und nicht durch rationale Begründungen entsteht - vgl. im Brief "Stärkung" / "L e b e n" / "Zelt der Vergegenwärtigung" oder "bloss [...] Zuflucht", im Gedicht vor allem die erste und die letzte Strophe, in denen der wissende "Knochen im Rückenmark" und die einsame "Stirne" einander gegenübergesetzt sind; die "Stirne" "zerbröselt" jedoch letztlich "ihr Denken im Wind", um die "Wiege samt Kind" und das Du finden zu können.
   Das vertraute Schreien des Vogels (Strophe 3) erinnert an das im Brief zitierte, der Briefschreiberin vertraute Schreien der "Türken-Taube". Die eingeblendete textkritische Ebene gibt hier einen wichtigen Hinweis auf bewußte Formung: Ein vom Rhythmus her überzähliges "u" in "duuurstig" wird gestrichen - die Laute der Taube sollen den Rhythmus für das Wiegen herstellen. In unmittelbarer Umgebung des Vogels / der Taube finden sich im Gedicht ein "Kernhaus im Apfel" und im Brief "die

   10 In: Christine Lavant, Spindel im Mond. Salzburg: Otto Müller Verlag, 5. Aufl. 1995, S. 115. Wir danken dem Rechtsinhaber, Herrn Arno Kleibel, Otto Müller Verlag Salzburg, für die Erlaubnis zum Abdruck und zur Veröffentlichung der Lavant-Texte.
   11 Christine Lavant wußte es nicht: Tuvia Rübner stammt aus der Stadt Bratislava / Preßburg (heute Hauptstadt der Slowakei).

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Krone eines alten Birnbaumes". Ein Bezug auf "Sternbild/er" findet sich da wie dort, auch wenn die Konnotation verschieden, ja entgegengesetzt ist: im Brief sind sie "hilfreich", im Gedicht gibt es ein "Sternbild, das alles verstellt". Markant ist auch folgender Zusammenhang: Im Brief wird "eine besondere Art zu gehen" imaginiert, und auch das Gedicht ist ein 'Gangbild' ("Noch ist da ein Makel im Schritt").
   Das Gedicht ist undatiert - doch hilft die Intertextualität, die Entstehungszeit in etwa einzugrenzen. Dafür spräche auch folgender Umstand: Eine handschriftliche Fassung des Gedichtes befand sich in einem (undatierten) Heft (die Seite wurde bis auf den inneren linken Rand aus dem Heft geschnitten), in dem sich auch mehrere Neuansätze eines anderen Gedichtes, Hole von allen Gedächtnisstätten ..., finden. Die Entstehung dieses Gedichtes ist im KGCL erwähnt: In einem Brief an Christine Brückner vom 28.10.1957 datiert Christine Lavant selbst es vorsichtig ("glaube ich") auf "Frühjahr 1957". Es ist nicht unwahrscheinlich, daß für das im selben Heft niedergeschriebene Gedicht Ich suche die Wiege der Welt. ... eine ähnliche Entstehungszeit angenommen werden kann. Die für Ich suche die Wiege der Welt. ... erschlossene Datierung deckt sich mit dem Zeitraum, in dem auch der Brief an Tuvia Rübner geschrieben wurde.
   Abgesehen von den erwähnten Übereinstimmungen ist eine Datierung des Gedichtes um Weihnachten 1956 / Dreikönig 1957 möglich. Weihnachten bzw. Dreikönig liegen im Gedicht als Thema indirekt vor ("Sternbild", "Wiege samt Kind"). Zu Weihnachten 1956 hatte Christine Lavant von Tuvia Rübner eine kleine Karawane aus Olivenholz und einen Granatapfel geschenkt bekommen, mit denen sie eine kleine Krippe gestaltete. Im Brief an Tuvia Rübner vom 23.12.1956 schreibt sie vom "Wunder-Granatapfel" und daß sie ihn niemals essen könne, selbst wenn sie "davon das ewige Leben bekäme": ein Zusammenhang mit dem "Apfel der Zeit" im Gedicht liegt nahe.

   Doch der Zeitraum muß weiter gefaßt werden: Die "Wiege der Welt" ist bereits in einem Brief an Ludwig Ficker erwähnt, der bald nach dem 10.07.1956 geschrieben wurde, weil er auf eine Briefkarte Fickers mit diesem Datum bezug nimmt. In diesem Brief gibt Christine Lavant selbst folgenden Schlüssel zu dem Bild: "Mir wäre freilich lieber die Wiege der Welt und darin das Kind, das lebendige Wort." Anspielungen auf den christlichen Kontext sind offensichtlich: "Denn lebendig ist das Wort Gottes" (Brief an die Hebräer, 4, 12) und "Und das Wort ist Fleisch geworden" (Joh. 1, 14).

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Doch widerspricht diese ganz andere Verbindung nicht oben Ausgeführtem - sie ist möglicherweise nur ein Hinweis auf einen AdressatInnenbezug! Jedenfalls: Das Motiv, mit seinem semantischen und poetischen Potential, mit seiner hier dargestellten 'Dehnbarkeit', ging ihr nicht aus dem Kopf.
   Es lassen sich eindeutig zeitliche Zusammenhänge zwischen Briefen und Werken herstellen, die bei der Datierung undatierter Werke hilfreich sein können. Dabei geht es nicht um die Datierung als Ergebnis - auch wenn das, je länger man sich um sie bemüht hat, so scheinen will -, sondern als neues Werkzeug: Letztlich dient sie dazu, auch den kreativen Lebenslauf besser zu verstehen.
   Untersuchungen zur Intertextualität brauchen deshalb genaue Texte! Jede Wortschreibung sollte in Evidenz gehalten werden. Gerade mit markanten Fehlschreibungen oder orthographischen Eigentümlichkeiten kann man sich zu zeitlichen Einordnungen vorarbeiten (etwa durch vom Dialekt her kommende Formen wie "Eckel", "Schemmel"). Da Briefe datiert sind (oder, jedenfalls in den meisten Fällen, leichter datiert werden können), bieten ihre Wortlisten eine gute Vergleichsbasis. Im KGCL werden orthographische Fehler nicht korrigiert; für entsprechende Suchvorgänge wird aber die korrekte Schreibung auf der versteckten Ebene angeboten.
   Die bereits zitierte Fehlschreibung "Rythmus" (vgl. Brief an Tuvia Rübner, 8.9.1956) gibt diesbezüglich übrigens nichts her: Christine Lavant schreibt Rhythmus ihr Leben lang ohne das erste h.
   Ergiebiger in bezug auf eine zeitliche Einordnung ist etwa die Schreibung "erschrack". Sie orientiert sich an den Verbformen "erschrecken, erschrocken"; das Imperfekt wird in der österreichischen Umgangssprache praktisch nicht verwendet. "Erschrack" bzw. den Konjunktiv "erschräcke" findet man in Christine Lavants Briefen nur bis 1950 (3 Treffer: 1946, 1947, 1950), danach wird das Imperfekt nicht mehr verwendet, sondern nur noch das Perfekt "bin / war erschrocken" (4 Treffer: 1949, 1953, 1956, [1963]). In den vorliegenden Prosa-Manuskripten und -Typoskripten12 findet sich 23 mal "erschrack" bzw. "erschracken" und nur 4 mal "erschrak" / "erschraken".
   Die Schreibung "darin" ist die Regel (147 Treffer in Christine Lavants Briefen, zwischen 1935 und 1972). Die Abweichung "darinn" kommt vor allem in den 1940er Jahren vor (1 x 1945, 4 x 1946, 2 x 1947, 1 x 1957, 1 x [1959]). In den Prosa-

   12 Die Prosamanuskripte Christine Lavants sind nur in seltenen Fällen datiert.

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Manuskripten und -typoskripten finden sich diese Varianten in auffälliger Weise: Es gibt Texte, in denen die Schreibung wechselt, beide Schreibungen vermischt werden bzw. eine Schreibung bevorzugt wird. Eine genauere Analyse im Hinblick auf Datierungsversuche steht an. Doch etwas scheint man schon sagen zu können: "darinn" mutete Christine Lavant literarischer an.
   Wenn Christine Lavant "Bibliotheck" schreibt, könnte man das wiederum für eine Eigentümlichkeit halten; nur über die textkritische Darstellung (und die Möglichkeit, damit eine Wortliste zu generieren) läßt sich feststellen, daß es sich nicht um eine typische Fehlschreibung handelt, sondern das Wort ansonsten richtig geschrieben wird: Dies kann für das Erstellen des Lesetextes der Werke relevant sein.
   Durch stillschweigende Eingriffe oder Normalisierungen würden diese vielfältigen Möglichkeiten der Textkritik verlorengehen.

Die folgenden Fragen 3. - 12. beziehen sich auf außerästhetische Kriterien für eine textkritische Darstellung; dabei betrifft die erste Fragengruppe das Material, seine editorische Bearbeitung und die Pragmatik der Veröffentlichung (3. - 6.), die zweite Fragengruppe den Autor / die Autorin und die Gattung (7. - 12.).

3. Welches Textkorpus liegt zur Edition vor?

Geht es um ein Briefkonvolut (ohne Gegenbriefe), einen Briefwechsel mit einer Person, eine umfassendere Auswahl (z.B. Briefe "von - bis"), einen Gesamtbriefwechsel? In welchem zahlenmäßigen, biographischen, literarischen, inhaltlichen Verhältnis steht das Textkorpus zu einer, wenn auch hochgerechneten oder nur erwogenen Gesamtheit der Briefe? Kann die AdressatInnenbezogenheit eingeschätzt werden und was bedeutet sie für den Text?
   Zu Lebzeiten Christine Lavants ist kein Brief veröffentlicht worden. Es gab bisher keine "Edition der Briefe", keinen Sockel, auf dem aufzubauen gewesen wäre. Es gab Publikationen von Einzelkonvoluten (ohne Gegenbriefe) in qualitativ unterschiedlicher Ausführung. Die Lektüre der ersten veröffentlichten Briefe (1974, an G. Deesen)13 kann nicht mehr wirklich empfohlen werden, da bis hin zu ungekennzeichneten Streichungen und Wortänderungen markant in den Text eingegriffen wurde. Doch diese Veröffentlichung verdient Nachsicht: Sie stand am

   13 Christine Lavant: Briefe. In: ensemble, Heft 5, 1974, S. 133-157.

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Anfang der Beschäftigung mit den Briefen und der Person, die diese schrieb. Mit Herz auf dem Sprung14 wurden Briefe von Christine Lavant erstmals in das wissenschaftliche Interesse gerückt, was Kommentierung und Textdarstellung betraf (in diesem Falle gab es keine Gegenbriefe). Die Kommentierung hatte schon zur Erhebung und Einbeziehung weiterer Briefe geführt, und die Edition nahm einen Gesamtbriefwechsel bereits in Aussicht ("Eine umfassende, kommentierte Briefausgabe, ohne die sich auch eine sinnvolle Biographie schwerer wird schreiben lassen, steht aus"15).
   Doch ist erst jüngst wieder eine Einzelveröffentlichung erschienen16 - und zwar in Kenntnis der Tatsache, daß der KGCL vorbereitet wird. Wissenschaftlich gesehen handelt es sich dabei um einen Rückschritt (der auch ökonomisch nicht zu vertreten ist). Es wird zwar betont, daß "kein geringerer als Thomas Bernhard" die Bekanntschaft zwischen Maja und Gerhard Lampersberg und Christine Lavant gestiftet hätte - aber Zeitpunkt und Umstände bleiben unbekannt. Es gibt jedoch einen Brief von Christine Lavant an Erentraud Müller, die Verlegerin und Freundin, der - am nächsten Tag, am 26.7.1957, geschrieben - den Besuch der drei Genannten bei ihr zu Hause schildert.
   Bei einem Einzelkonvolut wie dem hier edierten kann die AdressatInnenbezogenheit von den LeserInnen bzw. BenutzerInnen nicht eingeschätzt werden. Wenn sich die Personen im Alltag nahestehen, stehen die Briefe im Kontext eines pragmatischen Zusammenhanges, der im Kommentar als Hintergrund jedenfalls mit zu repräsentieren wäre. Doch der Kommentar ist mager, kaum mehr als ein Glossar. Die auffällige Verwendung umgangssprachlicher und mundartlicher Ausdrücke in den Briefen wäre als Hinweis auf betonte Originalität zu erwägen - wenn man nur die Briefe mit denen an andere KorrespondenzpartnerInnen vergleichen könnte. Die isolierte Korrespondenz führt einmal mehr zur Festschreibung bestimmter Vorstellungen von einer Autorin, statt sie in ihrer Vielstimmigkeit vernehmbar werden zu lassen.

   14 Christine Lavant: Herz auf dem Sprung. Die Briefe an Ingeborg Teuffenbach. Im Auftrag des Brenner-Archivs (Innsbruck) hg. u. m. Erläuterungen u. e. Nachwort versehen von Annette Steinsiek. Salzburg 1997.
   15 Ebda., S. 196.
   16 Christine Lavant: Briefe an Maja und Gerhard Lampersberg. Im Auftrag des Robert-Musil-Instituts für Literaturforschung der Universität Klagenfurt / Kärntner Literaturarchiv hg. v. Fabjan Hafner u. Arno Rußegger. Salzburg 2003.

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   Man hat unter Hinweis auf die Faksimiles einmal mehr "stillschweigend korrigiert", unterschiedliche Schreibungen "vereinheitlicht", die Interpunktion "normalisiert".17 Von Textkritik fehlt jede Spur - deshalb gehen auch Hinweise darauf verloren, daß zumindest einige Briefe vorgeschrieben worden sein könnten.
   Einzelkonvolute oder Briefwechsel zu veröffentlichen kann sinnvoll sein, wenn sie auf einen größeren Zusammenhang zurückgreifen können oder auf diesen abzielen. Ohne diesen Zusammenhang herausgegeben, womöglich von unterschiedlichen Personen, bleibt es bei einer Präsentation der Eingangstüre statt einer Führung durch das Haus, bei Addition statt Edition. Nun wird ein "Gesamtbriefwechsel" immer ein schöner Traum sein. Sicher werden nach Abschluß der Arbeiten, nach dem Binden von Büchern und CD, weitere Konvolute auftauchen.
   Für den KGCL zählten wir im April 2004 insgesamt 1900 Briefe von und an Christine Lavant, davon etwa 1200 Briefe von Christine Lavant und etwa 700 an sie.18 Dazu kommen etwa 100 Drittbriefe. Zum gleichen Zeitpunkt zählten wir 210 KorrespondenzpartnerInnen (darunter aber auch einige, von denen es nur eine Postkarte an Christine Lavant gibt).

4. Welches Medium wird gewählt?

Ob ein größerer Briefbestand oder gar ein Gesamtbriefwechsel textkritisch in Buchform veröffentlicht werden soll, hängt vor allem von der Entscheidung und Kalkulation des Verlages ab. Der Aufwand der Darstellung im Druck ist ungleich höher als im elektronischen Medium. Auch sollte in jedem Fall für die wissenschaftliche Arbeit (und dazu zählt bereits die Arbeit an der Edition!) die Suchbarkeit und Handhabbarkeit gewährleistet sein. Neben der kostengünstigen und praktischen Möglichkeit, eine große Menge an Material zu verwalten und zu veröffentlichen, sprechen die gestalterischen Möglichkeiten (nicht nur ästhetisch,

   17 Alle Zitat ebda., S. 162.
   18 Die Korrespondenz mit Werner Berg (aus dem Zeitraum ihrer engeren Beziehung von 1950-1955) wird nicht veröffentlicht werden und ist also hier nicht mitgezählt: Die Briefe von Werner Berg an Christine Lavant (ca. 280) wurden vom Nachlaßverwalter beim Verkauf (bis 2014) gesperrt, die Briefe von Christine Lavant an Werner Berg (ca. 500), die wir 2002 als erste Forschende in den Händen hielten, sind uns derzeit nicht zugänglich, da der von der Stadt Klagenfurt als Berater herangezogene Leiter des regionalen Literaturarchivs deren Sperrung für die Benutzung von außerhalb anstrebt. Derzeit bleibt uns nur die Hoffnung auf die korrekte Verwaltung öffentlichen Eigentums durch die Stadt Klagenfurt und damit auf die sekundäre Auswertung für KGCL und Biographie (betr. Datierungen, Kommentierungen, Hinweise auf weitere KorrespondenzpartnerInnen, biographische Hintergründe).

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sondern auch Einteilungen oder Darstellungen unterstützend) für eine elektronische Veröffentlichung.19

5. Geht es auch um die Sicherung von Quellen?

In unserem Falle war ein wichtiges Ziel auch die Sammlung und Erhaltung der Quellen. Die meisten der Briefe von Christine Lavant wären ohne diese Arbeit unbekannt geblieben - und einige davon wären wohl inzwischen schon verloren gegangen. Christine Lavants Generation lebt gerade noch oder lebt schon nicht mehr. Das intensive Recherchieren ist also ein Gebot der Stunde.
   Zwei Drittel der Briefe eruierten wir in Privatbesitz. Dorthin gingen sie nach Kopieren, Faksimilieren bzw. Scannen und archivalischer Beschreibung auch wieder zurück.20 Das heißt: Manche Originale werden vielleicht nicht wieder in öffentliche und / oder wissenschaftliche Hände gelangen. Sie sollten deshalb sorgfältig ausgewertet und repräsentiert werden - auch mit Hilfe der textkritischen Ebene, denn manche Korrekturvorgänge lassen sich an Faksimiles bzw. Scans nicht oder nicht eindeutig erkennen.

6. Liegen bereits editorische Richtlinien für das Werk der Autorin / des Autors vor bzw. können die für die Briefe erarbeiteten Richtlinien umgekehrt für eine Werkedition verwendet werden?

Parallel zum Beginn der Briefedition (1997) wurden uns die diakritischen Zeichen bekannt gemacht, die für die damals geplante Kritische Ausgabe der Werke verwendet werden sollten. Der Nachlaß war bereits mit diesen Zeichen transkribiert worden. Man hatte dafür die diakritischen Zeichen der CD-Rom des Nachlasses von

   19 Vgl. dazu den Aufsatz von Ulrike Landfester: "Aus einem unendlichen Vorrath von Briefen...". Zum Nutzen einer elektronischen Edition von Rahel Levin Varnhagens Werk. In: "Ich an Dich", S. 95-114 (s. Fn. 3), zu den Möglichkeiten der elektronischen Darstellung v.a. 108-112. U. Landfester plädiert in ihrem Aufsatz ebenfalls für ein "objektivierbares philologisches Wahrnehmungsraster, das die Lektüre und damit ultimativ auch die Edition von Briefwechseln aus der Grauzone supplementär zum 'eigentlichen' Werk verlaufender Lektüren herausholen und den Briefwechsel selbst als Kunstform handhabbar machen könnte" (S. 96), wobei sie auf ein zitierbares "auktoriales Selbstverständnis" Varnhagens verweisen kann (S. 99). Auch sie beschreibt die Nachteile, die die "Herauslösung einzelner Korrespondenzen" mit sich bringt (S. 107). Gerade etwas als "Netz" Gedachtes fordere die elektronische Edition, die neben "sequentiellen" auch "nichtsequentielle Lektüren zuläßt" (S. 108).
   20 Einige Konvolute durfte das Forschungsinstitut Brenner-Archiv als Schenkungen in seine Bestände aufnehmen.

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Robert Musil21 übernommen, was nicht überzeugte. Aus pragmatischen (ökonomischen wie rezeptionsorientierten) Gründen jedoch wurden für die Briefedition einige dieser Zeichen verwendet, wobei wir Differenzierungen und Ergänzungen vornahmen. In bezug auf die Neukonzeption der Kritischen Edition der Werke scheint es nun sinnvoll zu überprüfen, inwiefern die editorischen Richtlinien des KGCL verwendet werden können.

7. Kann man von den Lebensumständen der Autorin / des Autors auf den Stellenwert des Briefes als Medium der Mitteilung schließen?

Zunächst muß, auch für die folgenden Fragen, geprüft werden, ob ein Materialbestand vorliegt, der eine Antwort auf diese Frage erlaubt. Wenn Dokumente oder Aussagen darauf hinweisen, daß die Autorin / der Autor gerne ausführlich telefonierte, so muß ein Teil der Kommunikation verloren gegeben werden.
   Christine Lavant wohnte im Hause ihrer Freundin Gertrud Lintschnig, die einen Gemischtwarenladen betrieb und über ein Telefon verfügte. Sie wählte diese Verständigungsart jedoch selten, "weil ich so schwerhörig bin, daß ich meist kein einziges Wort verstehe u. das ist so peinlich u. mühselig" (an Klara Berg, [1962]).
   Schwerhörigkeit und Schwersichtigkeit, ein labiler Gesundheitszustand, aber auch ihre Lebensumstände (sie fühlte sich ihrem Mann gegenüber verpflichtet) schränkten ihre Mobilität ein - der Brief bot die Möglichkeit, Entfernungen zu überbrücken. Darüber hinaus setzte sie, die immer wieder in depressive Stimmungen und Zustände fiel, der kontrollierbare Briefkontakt nicht so unter Druck wie eine persönliche Begegnung oder Verabredung.

8. Welchen Stellenwert hat der Brief in der Schreibkultur der Autorin / des Autors?

Es kann in diesem Beitrag nicht in der gebührlichen Ausführlichkeit von Christine Lavants Briefpoetik gesprochen werden, die aus einzelnen verstreuten Äußerungen in den Briefen zusammengeführt werden muß und die natürlich im Laufe der Jahre diversen Änderungen unterworfen war. In manchen Briefen tritt das ästhetische Element, in anderen das soziale stärker hervor.

   21 Vgl. Robert Musil: Der literarische Nachlaß. Hg. v. Friedbert Aspetsberger, Karl Eibl und Adolf Frisé. Reinbek: Rowohlt 1992.

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   Es gibt Äußerungen, die darauf hinweisen, daß Briefe und Werke aus einer ähnlichen Energie heraus und mit einem ähnlichen Bedürfnis nach Ausdruck entstanden sind:

Den Zustand in welchem Sie (man) solche soclhe schöne und für sich selbst oft nicht ganz klare Briefe Bri\e/fe schreiben, den kenne ich wohl. So schreibt unsereins auch die Geschichten und Gedichte, nichtwahr. Aber ich glaube der Zustand ist ein Kapital das sehr leicht aufgezehrt werden kann. Und wir greifen es immer wieder an auch wo es oft gar nicht not wär. Ich möchte nicht, dass Sie für mich Ihr Kapital angreifen, verstehen Sie mich? Wenn Sie mir weiterhin schreiben wollen - ich habe viel davon! - dann genügen die schlichtesten und ungeschicktesten ungeschicktetsten Worte solche die man auch hat wenn man den Dämon nicht bemüht. Freilich, meist hat man dann überhaupt nichts, ach ich kenn das.
(an Rudolf Stibill, [1954], unveröff.)

Äußerungen über Briefe können sich dabei, wie hier, an die Klage über eine Schreibhemmung anschließen oder der Entschuldigung für vorhandene oder vermeintliche stilistische Mängel des vorliegenden Briefes dienen. Dies zeigt etwa folgender Briefauszug, der etwas überfrachtet wirkt, weil er die Rhetorik des "ersten Briefes", eines neu begonnenen Kontaktes tragen muß (aber gerade deshalb stilistische Aufmerksamkeit verdient):

Bitte sehen Sie es mir nach, wenn der Stil dieses Briefes Sie etwa "geschraubt" anmutet, - es sind nicht alle Tage, alle Stunden gleich, und was gestern vielleicht noch locker und natürlich #von# wie wie wie Laub vom Munde gefallen wäre, das starrt und rauscht heute, trotz aller Mühe wie ein obskurer Büschel papierner #P#\p/apierner Rosen. Morgen wär's vielleicht wieder eine Wiesenflocke oder ein Halm blonden Schilfes. Ich weiss nicht, sind Sie Dichterin? - wenn ja, dann verstünden Sie es sicher, aber auch so halte ich es für nicht ausgeschlossen.
(an Gertrude Rakovsky, 18.10.1950, unveröff.)

Dabei wird "dichten" als 'energieverbrauchender' eingestuft als "Briefe schreiben": "natürlich kann ich auch nichts dichten, denn wenn ich das könnte, könnte ich auch nebenher noch Briefe schreiben noch und noch!" (in einem Brief an Linus Kefer [Frühjahr 1957], in dem sich Christine Lavant entschuldigt, daß sie so selten schreibt).

9. Ist festzustellen, daß das Schreiben von Briefen phasenweise das Schreiben literarischer Werke ersetzt hat?

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Briefe waren für Christine Lavant ein eigener und besonderer Weg zum Ausdruck, als solche stehen sie dem Werk zur Seite. Manchmal könnten sie in der Hoffnung entstanden sein, damit in den "Zustand" zu kommen, in dem sie literarische Texte schreiben konnte. In Zeiten gehemmter literarischer Produktion könnten sie dazu gedient haben, etwas 'in Schwung' zu bringen - eine Art zu denken, ein Wortfeld, einen Rhythmus. Dichten ist für sie ein "unnatürliche[r] Zustand" (an Linus Kefer, [nach dem 21.12.1956]), ein Zustand der "Besessenheit", in dem man dem absoluten Bewußtsein nahe ist (an Tuvia Rübner, 25.11.1956). Man kann diesen "Zustand" auch künstlich herbeiführen, etwa durch "Pulver" (= Medikamente) oder durch äußere Veränderungen wie eine Reise. Diese Möglichkeiten verdächtigt Christine Lavant allerdings selbst als Verzweiflungstaten - ein Brief wäre eine legitimere Näherung an das Schreiben gewesen. Bei Christine Lavant hat das Schreiben von Briefen das Schreiben von literarischen Werken etwa in folgendem Sinne ersetzt: wenn sie Briefe schreibt, um in den "Zustand" zu gelangen, dies aber nicht gelingt. Dann sind von diesem Versuch 'nur' die Briefe geblieben.

10. Spielt der Brief im Werk eine Rolle?

Es gibt Gedichte und Erzählungen, in denen Christine Lavant das Briefeschreiben thematisiert. Der Brief als poetisches Motiv darf als Signal für ihre besondere Affinität zu dieser Gattung gelten. Das folgende Gedicht kommt dabei zu einer Briefpoetologie:

Hundert Briefe in einer Nacht.
O Gott wie bin ich gehorchsam dem Mond!
Hundertmal Anfang und Ende
und dazwischen fast ewig.

Drei und Dreissig Briefe in Rot
herzwarm noch alle und mutig
anmutig, o Gott, ja gerecht
ganz einfach so rot gewachsen
wie Klee oder Nelken.

Drei und Dreissig schon aufgescheucht
braune Rebhuhnkette zerrissen -;

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von Angst gejagt und verstreut
winzige Vogelrufe
und alle noch hungrig.

Drei und Dreissig in Bilderschrift
listig gefügt kaum verständlich -;
ein Kreuz eine Rose ein Schwert
das Herz in den Mondstationen,
- bloss aus dem Gedächtnis! -

Einen in klarer Maschinenschrift
der niemand anmerkt die Zitterhand -;
Aber zwei Seiten zu lang
auch der Zeilenabstand zu eng
und am Rand doch ein Herz und ein Kreuz
in der Ecke ein Vogel.

Dieser Eine für Alle
holt nach und zurück!
Diesen einen - während die Mondrute sinkt
- frisst zum frühen Frühstück in wilder Gier
und vor meinen nüchternen Augen,
mein Herd, samt dem Durchschlag.

O Gott im brennenden Morgenrot
wie wird mich die Mondrute strafen?

(Typoskript, unveröff.)

In Christine Lavants Prosa gibt es eine Gattung, in der Elemente von Brief und Erzählung verbunden sind, die 'Briefprosa'. Christine Lavant wendet sich damit an Personen, zu denen sie sich eine engere Bindung wünscht. Diese Gattung entspricht in der Prosa vermutlich am ehesten ihrem Begriff von "Wahrhaftigkeit", weil sie bewußt entlang der persönlichen Erfahrung in Richtung Absicht und Hoffnung gehen, aber sich der Fiktionalität auch als Schutz bedienen kann. Es gibt zwei Texte dieser Art, einer davon veröffentlicht als Die Schöne im Mohnkleid.22

   22 Christine Lavant: Die Schöne im Mohnkleid. Im Auftrag des Brenner-Archivs (Innsbruck) hg. u. m. e. Nachwort versehen von Annette Steinsiek. Otto Müller Verlag, 2. Aufl. Salzburg 2004.

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11. Lassen sich Hinweise ausmachen, ob und wenn ja, ab wann die Briefschreiberin / der Briefschreiber gewußt haben könnte, daß von ihr / ihm einmal eine Briefedition veranstaltet wird?

Christine Lavant kannte die Briefe Rilkes, wie ein Brief aus dem Jahr 1949 belegt. 1957 bittet sie den Otto Müller Verlag, ihr einen Band Werke und Briefe von Else Lasker-Schüler zu schicken. Sie wußte also, daß von Dichterinnen und Dichtern auch Briefe von öffentlichem Interesse sein können. Sie selbst äußert sich dazu nicht, weder im Sinne einer Möglichkeit, noch eines Wunsches, noch einer Befürchtung. An sie adressierte Briefe hat sie jedenfalls nicht aufbewahrt. Sie schreibt an Hilde Domin [1965], daß sie "alle Briefe früher oder später verbrenne um keinen indiskreten Nachlaß zu hinterlassen". Um eines offenen und wahrhaftigen Kontaktes willen sicherte sie ihren BriefpartnerInnen zu, deren Briefe zu vernichten - wieweit sie dabei davon ausging, daß man mit ihren Briefen gleich verfuhr, ist damit nicht beantwortet. Postkarten hat sie wohl wegen der Bildmotive aufgehoben. Manchmal haben andere Personen, die während längerer Krankheitsphasen Sekretariatsarbeiten für sie erledigten, Briefe an sie aufbewahrt. Durchschläge von Briefen gibt es in ihrem Nachlaß nur bei Verlags- oder bei sonstiger offizieller Korrespondenz. Einen Hinweis auf einen Durchschlag in der Privatkorrespondenz gibt nur das oben zitierte Gedicht - aber ist dem zu trauen?

12. Liegen Briefentwürfe vor und wie verhalten diese sich zu abgesendeten Fassungen?

Signale für das Vorschreiben von Briefen - spiegle sich darin nun die Suche nach der optimalen (vielleicht auch literarischen) Formulierung oder nur besondere Sorgfalt, Rücksicht oder Vorsicht - werden auf der textkritischen Ebene erkennbar. Es gibt Fehler, die auf das Abschreiben einer Vorlage zurückzuführen sind. So wurden z.B. in einem Brief an Otto Scrinzi vom 23.6.[1969] mehrfach Worte doppelt geschrieben und dann gestrichen:

Eine fragende Bitte: würden Sie mir die Möglichkeit geben, eine finden, ||
daß ich Ihnen, wenn ich es gar sehr brauche (mißbrauchen werde ich es nie) schreiben kann, ohne mich ängstigen zu müssen, daß daß #daß# außer auß\er/ Ihnen Jemand #j#\J/emand meine Briefe zu lesen bekommt.? -

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Ohne innerste Notwendigkeit werde ich es nie tun. Ich bin in #an#\in/ Einsamkeit und Verlassenheit geübt. Aber manchmal übersteigt es die ertragbare Stufe. Hier mögen mich Alle gern. Mein Zimmer ist eine Frei- und Zufluchtstätte. Bei Lintschnig wird das totale Alleinsein einsetzen; allerdings gemildert durch den gewohnten Ort die mir zu Herzen gehende Landschaft. Ich werde wieder Abendspaziergänge gehen wieder Mond u. Sterne sehen wieder die Neandertaler-Laute hören. O wohl, es wird viel gut #{{w}}# werden. Aber zum täglichen Brot (auf der Gefühlsbasis) gehört eben auch ein Ohr das in der das in #das in# \der/ alleräußersten alleräußester Not sich einem zuwendet. zuwenden#d#\t/et.

Offenbar war der Abschreibvorgang mit Fortschreiten des Schreibens nicht mehr so sehr auf den Inhalt konzentriert, als vielmehr auf die Form. Dieser Brief, geschrieben im Pflegeheim Wolfsberg, ist von der Bemühung getragen, leserlich und schön geschrieben zu sein, auch wenn man ihm letztlich die körperliche Mühe des Schreibens ansieht.
   Beim Abschreiben klingen die Worte schon im Ohr, bevor man sie niederschreibt. Daher kommt es zu den oben gezeigten Verdopplungen oder auch zu Verschleifungen, wie etwa in folgendem Falle:

Von meinem ganzem Herzen Herzen. (es ist so sg gut als möglich tatsächlich wieder ganz) wünsche ich Euch Allen Freude [...]
(an Trude und Otto Scrinzi [1964])

In anderen Briefen finden sich Fehler, die nur als Abschreibefehler gedeutet werden können. So schreibt Christine Lavant am 18.2.1957 an Erentraud Müller: "Heute ist der 14. Todestag meiner Mutter." Anna Thonhauser starb am 18.2.1938, es war also der 19. Todestag. In Christine Lavants Handschrift sehen sich die Ziffern "9" und "4" ähnlich (sie schrieb auch die "4" in einer Linie, ohne abzusetzen) - und zwar so ähnlich, daß sie selbst sich im Schwunge des Abschreibens verlesen hat.

Es gibt lediglich acht Textzeugen, die als Briefentwürfe eingestuft werden können. Zwei abgebrochene Briefentwürfe (in einem Heft mit Gedichtentwürfen) weisen Kurzschrift auf - ein eindeutiges Zeichen für das Vorschreiben, denn in keinem abgesandten Brief wurde Kurzschrift verwendet. Nun konnte Christine Lavant diese Entwürfe nicht vernichten, denn auf der Rückseite befand sich die Endfassung eines Gedichtes.

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Die uns aus dem Nachlaß Ludwig v. Fickers wohlbekannten vielfach überarbeiteten, ausgeklügelten Briefentwürfe gibt es bei Christine Lavant nicht. Es gibt keinen einzigen Briefentwurf, der mit einem uns bekannten abgesandten Brief in Zusammenhang steht! Aber es gibt einen Briefentwurf, der mit einem von drei nicht abgesandten, jedoch vollständigen (also Anrede, Text, Schlußformel, Unterschrift aufweisenden) Briefentwürfen (Briefen?) zusammenhängt. In diesem Briefentwurf steht der verräterische Satz: "Obwohl ich mit meinem Brief v. gestern gar nicht zufrieden bin möchte ich ihn doch nicht wie #v# so viele andere - verbrennen. Ich halte sie für gütig und klug genug mir auch Fehlreaktionen zu verzeihen." (an Otto Scrinzi, o.D.) Offenbar war die Furcht, den Freund zu verlieren, letztlich doch größer als das Bedürfnis, das Aufgeschriebene mitzuteilen, denn Christine Lavant hat den von ihr erwähnten Brief nie abgeschickt.
   Alles, was wir bisher über die Schreibpraxis von Christine Lavant wissen, läßt darauf schließen, daß das Verbrennen von Briefen bzw. Briefentwürfen mit zum Vorgang des Briefeschreibens gehört hat.


Eine textkritische Bearbeitung ist hoher Aufwand, der wissenschaftlich und ökonomisch vertreten werden muß. Die vorgestellten Fragen mögen dazu dienen zu überprüfen, ob die Erkenntnisse, die sich ergeben könnten, diese Mühe lohnen. In jedem Fall wird eine entsprechende Prüfung die Entscheidung wissenschaftlich begründen können.


Stand: Februar 05

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