Texte (4)
Ursula A. Schneider, Annette Steinsiek:
Wer Erkenntnisse jagen will, muss vorher gesammelt haben.
Überlieferung und Gender


In: Geschlechterforschung. Identitäten, Diskurse, Transformationen. Forschungsergebnisse und -vorhaben des interdisziplinären Gender-Forschungsschwerpunktes an der Universität Innsbruck, Innsbruck 2007, S. 43-48.

Wir sind ausgebildete Literaturwissenschaftlerinnen, unsere Forschungsstätte ist ein Literaturarchiv, das Forschungsinstitut Brenner-Archiv der Universität Innsbruck. Hier arbeiten wir als Drittmittelforscherinnen hauptsächlich an der Edition des "Kommentierten Gesamtbriefwechsels Christine Lavants" und an der Biographie der Autorin (gefördert vom Österreichischen Wissenschaftsfonds). Dabei umfasst unsere Forschung Tätigkeiten, die von der Suche nach Materialien bis zur Präsentation in einer Vitrine, einem Vortrag oder einer Edition reichen. Der Dreischritt von Sammlung - Forschung - Vermittlung ist ein zentrales Anliegen des Brenner-Archivs und war Modell auch für andere Literaturarchive.

Im Archiv

Praktische, methodische und theoretische Problemstellungen des Arbeitsfeldes "Literaturarchiv" betreffen die Sammlungspraxis, die Schätzungs- und Ankaufspraxis, die Lagerung und Konservierung (auch mittels Digitalisierung), die Ordnung und Verzeichnung, die Vermittlung zur Öffentlichkeit in Homepages oder EDV-unterstützten Verbünden etc.
   Die spezifischen Fragestellungen der Überlieferung und den Umgang mit Quellen lernt man vor allem - und vermutlich auch am besten - aus Erfahrung, aus eigener und aus der anderer. "Überlieferung" meint hier vereinfachend den Umstand, dass Objekte einer bestimmten Zeit in einer späteren Zeit wieder auftauchen; die Zeitabstände können größer oder kleiner sein, die Objekte können bewusst aufgehoben worden sein oder ohne Absicht noch vorliegen. Diese Objekte werden als "Quellen" bezeichnet, die über eine Zeit, eine Person, eine Situation, eine Kultur Aufschluss geben. Für ihre Betrachtung braucht es Wissen und Erkenntnisinteresse. Die Fragen an die Quellen gehen weit über deren pragmatische Funktion hinaus. So wird die ursprüngliche Bestimmung als Souvenir nebensächlich, wenn es um ein Foto geht. Ein altes Gruppenfoto von Damen und Herren kann Auskunft geben über - das Gebäude, vor dem die Personen stehen. Für eine haltbare Aussage über die Nutzung dieses Gebäudes wären Fotos auch aus anderen Jahren einzubeziehen: Es ist eine gewisse Menge an Material nötig. Systematisches und durch Erfahrung geleitetes Suchen in Archiven oder bei Privatpersonen wird notwendig sein. Ist das Foto undatiert, können Kenntnisse der Modegeschichte eine zeitliche Einordnung erleichtern.
   Es gibt Aufgaben, die im Besonderen und sinnvoller Weise von Literaturarchiven wahrgenommen werden, weil dort Fragestellungen methodisch an Materialien ent-

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wickelt werden können. Das betrifft vor allem literaturhistorische Dokumentationen und literaturwissenschaftliche Editionen. Editionen, in ihrem ganzen Umfang vom Auffinden von Manuskripten bis zu deren präziser und kommentierter Veröffentlichung, sind "wissenschaftliche Großunternehmungen" und "zeit-, arbeits-, personal- und kostenintensiv" (Plachta 1997), dasselbe gilt für Literaturgeschichten und Biographien.
   Die Forschung im Archiv ist weitgehend von der Förderung von außen getragen, über "Drittmittel", die nur auf Antrag und nur für befristete Verträge vergeben werden. Die Tatsache, dass Drittmittelangestellte hauptsächlich Frauen sind und die Anzahl der Frauen in festen Anstellungen steil abfällt und bei leitenden Positionen zum Nullpunkt tendiert, kennzeichnet das Archiv als typischen Ort im Wissenschaftsbetrieb.

Spiegel der Gesellschaft

Den Arbeitsbereich "Literaturarchiv" hält man allgemein für geschlechtsneutral: "Wessen Nachlass auch vorliegt, die Archivierungsmethode bleibt dieselbe"; "Quellenforschung ist für Männer genausoviel Aufwand wie für Frauen"; "Dass es weniger Nachlässe von Frauen gibt, ist logisch, weil weniger Frauen (gut) geschrieben haben".
   Aber: Es kommt darauf an, welche Nachlässe (welche Hinterlassenschaften) überhaupt vorliegen, darauf, dass Dokumente von Männern eher für repräsentativ gehalten werden, dass Frauen weniger ermuntert sind, sich wichtig zu nehmen und zu überliefern. Soziale Umstände vor dem Tod nehmen Einfluss auf die nachgelassenen Materialien, und sie bestimmen nach dem Tod, wie diese Materialien eingeschätzt werden. Aus diesem Grund ist es prinzipiell aufwändiger, nach Materialien von Frauen zu suchen.
   Der Umstand, dass viele Personen nicht erfahren oder erlernen, dass das Verhältnis zur Überlieferung die Materialbasis einer Kultur bestimmt und damit die Grundlage des Wissens dieser Kultur bildet, macht Scheinargumentationen wie die oben zitierten möglich und führt zur Zirkulation im Gegebenen.
   Es fordert permanente Energie, gegen die Scheinargumente anzudenken und deren Effekte zu korrigieren. "Sichtbar zu machen" - eine der vordringlichen Aufgaben einer feministischen Kulturwissenschaft - erfordert mehr Energie als sich des Gegebenen zu bedienen. Schauen wir auf die Rückseite des oben erwähnten (fiktiven) Gruppenfotos, auf die Beschriftung. Die Namen und Funktionen der meisten Männer werden erwähnt, aber nicht einmal die Namen der Frauen. Das Foto kommt als Stück eines Nachlasses in ein Archiv. Es wird dort der Beschriftung folgend verzeichnet (denn die Ausforschung kann an dieser Stelle noch nicht geleistet werden). Ein Wissenschaftler, eine Wissenschaftlerin übernimmt die Beschriftung später in eine Veröffentlichung. Gegen das Scheinargument "Die Frauen waren nicht bekannt" muss geforscht, gesucht, gesammelt und für die Bereitstellung der Information gesorgt werden. Diese Arbeit hat dann auch noch alle (Schein)Argumente der Ökonomie gegen sich.
   Wenn nicht gefragt wird: "Wie kommt die Aussage über dieses Objekt zustande?", dann bleibt es bei dem, was eine Kultur als Verwalterin des "Sichtbaren" vor-schreibt. Diese Tradition kann nur durch ein neuerliches Lesen der Quellen, durch neue Fragen

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an sie unterbrochen werden. Es braucht Verständnis dafür, welche Möglichkeiten diese Objekte überhaupt in sich tragen können, und das Vermögen, diese Objekte zum Sprechen zu bringen.
   Es ist uns nicht bekannt, dass ein Literaturarchiv in seinen Hauspublikationen jemals Genderaspekte der Überlieferung und der Verwaltung von Überlieferung reflektiert oder Genderaspekte sogar in die Agenden aufgenommen hätte. Die feministische Theoriebildung hat ihrerseits das Problem der Überlieferung bisher nicht ausreichend in den Fokus genommen.

Veranschaulichungen

Folgende Beispiele aus der Welt der Kunst und Wissenschaft illustrieren den Zusammenhang von "Überlieferung" bzw. "Quelle" und Genderthematik.

  • Der Schriftsteller und Militarist Gabriele d'Annunzio (1863-1938) richtete sich am Gardasee eine Villa ein, in der er sich selbst als Genie huldigte. Die Villa und deren Einrichtung (das Arrangement blieb bis heute unangetastet) vererbte er als "Vittoriale degli Italiani", als nationales Denkmal, dem italienischen Volk. Man errich-

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    tete dem Erblasser u.a. ein megalomanes Mausoleum (1963, im faschistischen Stil) im Park der Villa und machte das Gebäude zum (schockierend unkritischen) d'Annunzio-Museum.
  • Die jüdische Malerin Helene (von) Taussig (1879-1942) übergab kurz vor ihrer Ausweisung aus Salzburg, zwei Jahre vor ihrer Ermordung durch die Nationalsozialisten, einem Malerkollegen (Wilhelm Kaufmann) einen Teil ihrer Werke. Dieser trug sie 1988 - erst nachdem ein Artikel über Helene von Taussig erschienen war - in ein Museum. Nach seinem Tod 1999 fanden sich in seinem Besitz weitere Bilder der Malerin, heute sind von Helene von Taussig 19 Bilder bekannt. In einer Sonderausstellung wurden diese Bilder (und Skizzen) 2002 gezeigt. Im Katalogtext wird der Maler als besonders integer bezeichnet - im Hinblick auf seine politische Haltung mag er das gewesen sein, im Hinblick auf die "Überlieferung" seiner Kollegin ist er nicht einmal solidarisch zu nennen.
    Immer wieder wird im Katalog betont, es gäbe kaum Dokumente zu Helene von Taussig, doch dem geübteren Auge ist klar: Es wurde auch nicht ausreichend danach gesucht. So wurde z.B. die jahrzehntelange enge Beziehung Helene von Taussigs zu Emma Schlangenhausen (1882-1947) in der Formulierung absorbiert, dass die Frauen "nicht dem gängigen Frauenbild" entsprachen, und die Frage nach dem Nachlass dieser nahestehenden Frau gar nicht aufgegriffen, in dem man wohl Material, Helene von Taussig betreffend, vermuten dürfte.
  • Die Stadt Wien hat für die Wiener Stadt- und Landesbibliothek 2004 den Nachlass des Schriftstellers Gerhard Fritsch (1924-1969) für 654.075 Euro gekauft. Im Internet steht ein detailliertes Nachlassverzeichnis zur Verfügung: 178 Seiten dokumentieren die 66 Archivkartons.
  • Eine Sammlung von Briefen und Manuskripten der Schriftstellerin Christine Lavant (1915-1973) wurde vom Land Kärnten für 250.000 Euro gekauft und dem zuständigen Literaturarchiv zur Aufbewahrung übergeben (Kleine Zeitung, 10.3.2004). Die Materialien wurden (ohne gültige Rechtsgrundlage) von dessen Leiter gesperrt, womit die Rezeption der Autorin in der Öffentlichkeit und die Forschung behindert werden.
  • Die RNA, die "Regeln zur Erschließung von Nachlässen und Autographen", sehen nur männliche Personenbezeichnungen vor: "Verfasser", "Adressat", "Bearbeiter", "Nachlasser", "Künstler" etc. Und, als wollten sie das Exempel für das Nichtvorhandensein von Frauen auch gleich statuieren: In den Beispielen kommen Frauen als Verfasserinnen nur in zwei Fällen vor: Else Lasker-Schüler und - "Unbekannt ". Diese beiden stehen wacker mindestens 25 männlichen Geistesgrößen von Luther bis Adorno gegenüber. Vorschläge für eine Änderung der Personenbezeichnungen und der Beispiele anlässlich der Neubearbeitung der RNA haben wir 2003 eingebracht.

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Sichtbar-Machen und Sehen-Können

Die öffentliche Hand kann die Überlieferung einer künstlerisch tätigen Person befördern oder nicht. Institutionen können Zugänge erschließen oder erschweren. Privatpersonen können ihre Verantwortung wahrnehmen oder nicht. Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen können ihr Wissen und ihr Interesse einsetzen oder nicht. Es ist eines, vergessene Personen zu "entdecken", zur wirklichen Kontextualisierung und Wertschätzung braucht es Forschungswillen. Eine Malerin, von der 19 Bilder und angeblich kaum persönliche Dokumente erhalten sind, wird schwerer im kulturellen Bewusstsein zu etablieren sein als ein Autor, von dem 66 gut dokumentierte Archivkartons mit Werkmanuskripten, Briefen und Lebensdokumenten vorliegen. Über bekannte, kanonisierte Literaten und Literatinnen zu arbeiten, macht den Forscher, die Forscherin leichter im Literaturwissenschaftsgeschäft bekannt, als wenn es sich um eine unbekannte Person handelt.
   Der Markt formt den Kanon, wie umgekehrt der Kanon den Marktwert eines Schriftstellers, einer Schriftstellerin bestimmt und damit auch den Geldwert seines, ihres Nachlasses. Die Präsenz und / oder Präsentation im Literaturarchiv ermöglicht den Aufstieg ins öffentliche Bewusstsein. Ein Literaturarchiv ermöglicht so auch Umformulierungen des Kanons ("Sichtbar machen").
   Eine Kultur wertet Überlieferung auf ihre je eigene Weise aus und sorgt für ihre eigene Überlieferung; die Überlieferung und deren Auswertung erschaffen wiederum eine Kultur - das Verständnis dieses Zusammenhangs ist die Grundlage der Genderperspektive auf die Überlieferung. Selbst wenn Personen ihre körperlichen Hüllen längst abgeworfen haben, ist das Gender ihrer Hinterlassenschaft, ihrer Papiere, Schriften, Fotos usw. noch quicklebendig.
   Es kommt auf die Perspektive an, darauf, wer seine Augen mit welchem Interesse auf das überlieferte Material richtet. Die Perspektive bestimmt die Sammlungspraxis, entscheidet, ob das Material für so interessant befunden wird, dass man es in ein Archiv aufnimmt. Im Archiv bestimmt die Perspektive, ob es als interessant genug beurteilt wird, um weitere Arbeit - und damit Geld - in die Aufarbeitung, Erforschung und Präsentation zu investieren.
   Nachlässe sind immer individuell und es lässt sich vieles an ihrer Beschaffenheit ablesen - ob ausgesondert oder ein bestimmter Schwerpunkt gesetzt worden ist, ob gezielt oder zufällig aufbewahrt wurde. Eine Sichtung und Charakterisierung des Nachlasses gehört unabdingbar zu jeder ausführlichen Publikation über die entsprechende Person. Ebenso wichtig ist der detaillierte Nachweis einer Aussage - welche Quellen speisen z.B. die Kenntnis über die Schulbildung oder die Lektüreauswahl des Autors, der Autorin?
   Der Wert eines Nachlasses besteht immer aus mehr als der "literarischen Wertigkeit" der darin enthaltenen bekannten Texte des Nachlassers, der Nachlasserin. Von verschiedenen Fassungen oder Überarbeitungen erhofft man sich Einblicke in die kreativen Prozesse. Es könnten noch unbekannte Werke des Nachlassers, der Nachlasserin enthalten sein - und interessante Texte anderer. Literarische Werke, auch "schlechte",

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können aus verschiedenen Gründen interessant sein, etwa weil darin zeitgenössische Ideen festgehalten sind. Nicht zuletzt sind es Briefe anderer bekannter oder "nur" interessanter Personen, die einen Nachlass zu einer Attraktion machen können. Dokumente können Publikationsmechanismen belegen, Sozial-, Medizin-, Wissenschafts-, Naturgeschichte etc. konkreter erfahrbar machen. Auch eine umfassende Fotosammlung ist wertvoll, ob sie nun den Nachlasser, die Nachlasserin darstellt, andere Personen oder - Gebäude.
   Nur Personen, die sehen, können "sichtbar machen". Sichtbarmachen ist die Entscheidung zur Relevanz. Für diese Relevanz müssen sich Frauen verantwortlich machen können und machen. Das betrifft die ewige Anstrengung, die Lebens- und Produktionsbedingungen von Frauen zu erforschen und darzustellen. Es braucht Forschende, die erstens wissen, wie Überlieferungswege ablaufen, die zweitens Diskriminierungsmechanismen kennen und deshalb auch sehen können, wie diese auf die Überlieferung und die Interpretation von Materialien angewendet werden, und die drittens mit den Ergebnissen der Genderforschung auch in anderen Wissenschaftsbereichen vertraut sind und diese respektieren.
   Solche Fähigkeiten würden das gesamte Tätigkeitsfeld bereichern. Und Frauen würden nicht mehr markant gehäuft als Witwen, als Bewahrerinnen auftreten, sondern auch als Erblasserinnen, als Urheberinnen kulturellen Erbes. Für die Forschung würden mehr Dokumente von Frauen zur Verfügung stehen, was die Arbeit über deren Leben und Werk attraktiver machen und die Finanzierung dieser Forschungen erleichtern würde.


Literatur (in der Reihenfolge der Erwähnung):

Bodo Plachta (1997): Editionswissenschaft. Ditzingen: Reclam 1997, S. 11.
http://www.vittoriale.it
Nikolaus Schaffer (2002): Helene von Taussig. Die geretteten Bilder. Katalog zur Sonderausstellung des Salzburger Museums Carolino Augusteum, 26.7.-20.10.2002. Salzburg.
http://www.wien.gv.at/vtx/vtx-rk-xlink?DATUM=20040326&SEITE=020040326016
http://www.wienbibliothek.at/hs1/!LISTHS!fritsch.pdf
http://zka.sbb.spk-berlin.de/rna/ (Stand 1998)

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